5/02/2016

Palermo



Ankunft

Noch ist es hell genug um beim Verlassen des Bahnhofs einen Blick auf das Verkehrschaos, den Müll und die heruntergekommenen Fassaden dieser Stadt zu werfen. Palermo ist die Geburtsstätte der Italienischen Mafia und ist auch Heute nicht frei von ihrem Einfluss. Mit unserer Ankunft in Palermo erwacht auch meine Neugierde darüber, wie sich der Einfluss der Mafia auf diese Stadt, Sizilien und schließlich ganz Italien auswirkt, wie sie organisiert ist und wie ihre Geschichte aussieht.

Was uns in den ersten Minuten und Stunden in Palermo auffällt, ist ein ungreifbares Gefühl, bei dem sich uns die Nackenhaare sträuben. Als wir an einem späteren Punkt unserer Reise einem Italiener von diesem Gefühl in Verbindung mit Palermo berichten, nickt dieser sofort wissend.

Palermo hat unsere Neugierde geweckt und wir machen uns auf den Weg zu einem Hostel, dessen Adresse wir aus dem Internet haben. Die Türen der Häuser entlang der Via Roma sind in große Holztore eingelassen und wirken wie Katzenklappen. Durch eine solche werden wir von einer Anwohnerin nach wiederholtem vergeblichen klingeln in das Hostelgebäude gelassen. Wir finden uns in dem leeren Eingangsbereich mit unbesetzter Rezeption wieder. Hier ist kein Mensch, weder ein Rezeptionist noch ein Gast. Wir versuchen es mit einem Anruf bei der Handynummer, die in großen Ziffern auf dem Eingangsschild geschrieben steht. "Das Hostel ist ausgebucht, wir haben keinen Platz mehr" sagt eine Männerstimme, legt auf und ich schüttle meinen verwirrten Kopf in der gähnenden Leere der Eingangshalle. Auch bei der zweiten Unterkunft bei der wir es versuchen ist zunächst Niemand anzutreffen. Mit Hilfe des Besitzers der angrenzenden Bar, gelingt es uns, die Hostelbesitzerin ausfindig zu machen. Von einer forschen Frau werden wir in dunkle, müffelige Räumlichkeiten geführt. Ich will nicht bleiben, deshalb gehen wir wieder. Auch bei der dritten Unterkunft die wir heraussuchen ist Niemand anzutreffen, allerdings verspricht uns ein freundlicher Mann am Telefon in 40 Minuten vor Ort zu sein und so verbringen wir die Abenddämmerung bis zur Dunkelheit in einem kleinen Park neben einer Statue. Je länger wir dort sitzen, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass mich die Statue des kleinen Mannes in brauner Kutte mit durchdringenden Augen anstarrt. Als unheimlicher Schutzpatron dieser Stadt wäre sie ganz passend.


Die Stadt

Auch am Anfang des nächsten Tages bleibt das seltsame Gefühl bestehen. Selbst unser Reiseführer behält sich eine Zeile für die einzigartige Stimmung Palermos vor: "Palermo ist eine Stadt des Verfalls und des Prunks. Sie ist reizvoll, vorausgesetzt man erträgt ihre rohe Energie, den irren Verkehr und das Chaos." (Lonely Planet ;)).

Den Tag über entdecken wir schöne Ecken und lassen uns Palermos Street Food schmecken. Besonders die Arancini (frittiere Reisbällchen) und Cannoli (kleine, mit Ricottacreme gefüllte Waffeln). Als wir durch die Straßen schlendern, werden wir nach Geld gefragt, wie es auf unserer Reise durch Italien schon unzählige Male vorgekommen ist. Dieses Mal ist es kein Obdachloser älterer Mann, sondern ein Mädchen in meinem Alter. Mit verzweifeltem Blick erzählt sie, dass sie ihr Portemonnaie verloren hat und nun Geld für ein Zugticket braucht. Wir schütteln beide fast schon instinktiv den Kopf. Braucht sie das Geld für Drogen? Als wir weiter laufen frage ich mich, ob es seine Berechtigung hat, derart misstrauisch zu sein. Was wäre, wenn ihre Geschichte stimmt und sie wirklich nur ein Zugticket braucht? Während ich weiter darüber nachdenke, bin ich mir plötzlich fast schon sicher einen Fehler gemacht zu haben. Vielleicht hätte ich ihr anbieten sollen mit ihr zum Bahnhof zu laufen und dort ein Ticket zu kaufen. Wenige Minuten später läuft das Mädchen an uns vorbei, biegt in eine Querstraße ein und ruft uns dabei freudig zu, dass sie das Geld nun zusammen hat.

Das Treiben Palermos hat mehr mit dem undurchsichtigen Gewimmel asiatischer Städte gemein, als mit dem organisierten Europa. In manchen Ecken der Stadt wird man sich des arabischen Einflusses bewusst, der vor allem in der Architektur sichtbar wird. Der Normannenpalast und die Kathedrale der Stadt wirken geradezu wie aus 1001 Nacht entsprungen.

Den Abend verbringen wir auf einem runden Platz mit einem beleuchteten Theater. Wir sitzen auf einer Bank und unterhalten uns, als plötzlich zu unserer Linken ein Mädchen ein paar Passanten anspricht. Es ist das selbe Mädchen, dem wir schon vorher begegnet sind, nun hat sie allerdings einen Roller-Helm über der Schulter hängen. Nachdem sie die Münzen eingesteckt hat, läuft sie Zielstrebig die Straße hinunter.



Abfahrt

Die zweite und letzte Nacht in Palermo sind wir die einzigen Gäste in unserem Hostel. Die nette Engländerin, die in der ersten Nacht mit uns dort wohnte, ist schon wieder auf der Weiterreise. Mit den zwei Badezimmern, der gemütlichen Küche und dem großen Schlafraum fühlt es sich nun wie ein großes Apartment an. Abends lassen wir einen Teil unserer Sachen einfach auf dem Küchentisch liegen. Auch das Geld für unseren Hostelaufenthalt deponieren wir dort um die Zahlung nicht zu vergessen. Weil wir Palermo am nächsten Morgen sehr früh mit dem Zug verlassen wollen, gehen wir früh schlafen. Meine Nacht ist unruhig und als ich spät Nachts die Toilette aufsuche, treffe ich auf dem Flur einen Mitarbeiter des Hostels. Auf italienisch versucht dieser sich mit mir zu unterhalten, stellt aber bald fest, dass mit mir auf dieser Sprache nicht viel anzufangen ist. Als wir am nächsten Morgen unsere 7 Sachen zusammen packen um Richtung Neapel aufzubrechen, sind 20 Euro vom Küchentisch verschwunden. Der Mitarbeiter des Hostels zuckt nur mit den Schultern und gibt uns in fließendem Italienisch und kargem Englisch zu verstehen, dass wir das Geld nicht auf dem Tisch hätten liegen lassen sollen. Bei mir hinterlässt der Vorfall ein komisches Gefühl und ein Fragezeichen.

Wir lassen Sizilien mit Zug und Fähre hinter uns. Palermo ist eine schöne Stadt, aufregend und ungreifbar. Zwei Tage mag wie bei allen Orten zu wenig sein, um sie zu begreifen und ihren Rhythmus zu verstehen. Wiederkommen, wiederkommen, wiederkommen.


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