3/28/2016

Politisches Bauchgefühl

Politische Unwissenheit ist wahrscheinlich nichts Schlechtes. Man kann mit ihr spazieren gehen wie mit einem unausgereiften Gedanken der noch ein bisschen Inspiration braucht.

"DIE ERDE EIN LAND", Demonstration für Frieden, Kyritz 27.03.2016
 

Wenn man etwas an sich feststellt, von dem man denkt, es wäre nicht normal, kann man das einfach googlen. Und dann gibt es Menschen, die haben das auch. Die diskutieren darüber, schreiben Artikel, geben hilfreiche Tipps. „Knubbel am rechten Ohrläppchen“ zum Beispiel. Oder: „Unsicheres Gefühl in großen Menschenmengen“. Man weiß dann, dass man nicht alleine ist mit seinen Problemen und das ist doch eine gute Sache. Wie es war bevor es google gab, weiß ich nicht.

Ich verstehe Politik nicht. Politik und Geschichte. Jedenfalls nicht viel davon. Viele Dinge, die ich mal gewusst habe, vergesse ich wieder und weil ich andere Dinge, die ich weiß, nicht chronologisch einordnen kann, ergibt sich daraus ein lückenhaftes Chaos. Das ist mir manchmal unangenehm. Weil ich es immer noch nicht aufgegeben habe die Welt zu verstehen und mir manchmal einbilde, über diesen Weg könnte es funktionieren. Glücklicherweise habe ich aber eine Freundin, die Politikwissenschaften studiert und blöde Fragen vollkommen in Ordnung findet und mein Umfeld, das sich nach guten moralischen Werten richtet, mir Zeitungsartikel über TTIP in die Hand drückt und eine Zusammenfassung der Deutschen Grundgesetze in den Schrank neben dem Klo stellt. Und dann noch mein Bauchgefühl, dass mir Sachen sagt wie „Atomstrom isset nich“ oder „Menschen aus Syrien oder egalwo, die ihre Heimat verlassen müssen, weil bei ihnen zu Hause Krieg herrscht, sind ziemlich arm dran“. Oder auch mal: „Jeder Mensch sollte verdammt noch mal das tun können, was er liebt. Und Geld ist dabei eher hinderlich. Also lasst es uns abschaffen. Und wenn das zu kompliziert ist, dann eben das bedingungslose Grundeinkommen einführen!“. Und als mir auf meiner Australienreise immer bewusster wurde, was in diesem Land mit den Ureinwohnern passiert, wurde ich sehr wütend und versuche mich bis Heute an einem Text, der das zum Ausdruck bringt. Außerdem weigere ich mich konsequent, Gebühren für die Toilettenbenutzung an Raststätten zu zahlen und bilde mir ein, dass auch das eine Form von politischem Aktivismus ist. Zu diesem Thema würde ich ehrlich gesagt mal ganz gerne demonstrieren gehen.

Ich habe also ein ausgeprägtes politisches Bauchgefühl und eher weniger fundiertes Wissen. Bin ich damit alleine auf der Welt? Natürlich nicht. Genauso wenig wie mit Knubbeln am Ohrläppchen und unsicheren Gefühlen in großen Menschenmengen. Wenn man meine Problemstellung googled, findet man verzweifelte Einträge von Menschen die schreiben: „Ich habe keine Ahnung von Politik, wie soll ich in dieser Welt leben?“. Und zuversichtliche Antworten von Menschen die schreiben: „Da geht es dir wie vielen anderen. Aber deine Frage gibt Hoffnung“.

Politische Unwissenheit ist wahrscheinlich nichts Schlechtes. Man kann mit ihr spazieren gehen, wie mit einem unausgereiften Gedanken, der noch ein bisschen Inspiration braucht. Dann wartet man mit gespitzten Ohren und Bauchgefühl ab, was passiert. Wenn ich über etwas wenig weiß, versuche ich mir kein Urteil zu bilden. Manchmal stelle ich viele Fragen und oft komme ich mirdabei doof vor. Aber mit ein wenig Übung ist mir das nicht mehr unangenehm.

„Angela Merkel ist, was die Flüchtlingskriese angeht schon ziemlich mutig“ sagt meine Freundin.
„Ist sie das?“ Frage ich.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen