1/13/2016

Sommer in Frankreich

„Kuhball“ war rund, aus Schaumstoff und hatte dieses typische Fußballmuster aufgemalt. Es brauchte nicht viel Kraft ihn weit und hoch zu schießen und wenn man zufällig in Schusslinie stand und Kuhball ungebremst auf Bauch oder Nase prallte, tat das nicht weh. All diese Eigenschaften machten ihn zum perfekten Ball für uns. Wir, das waren Finn, Phil und Klomann. Es war Sommer 2006, das Jahr der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Das ist wichtig, weil wir uns dafür interessierten. Tag für Tag kam es uns so vor, als hätten wir selbst die Fußballweltmeisterschaft auszutragen. Mann gegen Mann, Finn gegen Phil, mit Kuhball im Zentrum der Aufmerksamkeit und Klomann im Tor. Und je mehr Schweiß wir geschwitzt hatten, je härter gearbeitet, desto höher war die Warscheinlichkeit, dass das Deutsche Team am Abend den Sieg davon tragen würde. An diesen Abenden saßen wir zitternd auf den plastik Campingstühlen zwischen trinkenden Franzosen und unseren Eltern. Denn eine der größten Ungerechtigkeiten war es, dass wir Urlaub auf einem französischen Campingplatz machen mussten, während unsere Heimat zum Mittelpunkt des Fußballgeschehens wurde.

Der Platz, auf dem wir tagsüber in ungnädiger Hitze trainierten war ein freier Wohnmobil Stellplatz zwischen zwei Hecken. Direkt daneben befand sich ein hoher Zaun, dahinter eine Kuhweide. Und so kam Kuhball auch zu seinem Namen. Unerklärlich oft endete die Flugkurve des Schaumstoffgeschosses auf der anderen Seite des Zaunes zwischen Kuhfladen. Zum erstaunen der Riesentiere. Wir drei hatten großen Respekt vor den Bullen auf der Kuhweide. Man brauchte nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, wie sich eines dieser gewaltigen Tiere schwerfällig in Bewegung setzen und mit gesengtem Kopf in donnerndem Galopp lospreschen würde. Deshalb erforderte es eine menge Mut und außergewöhnliche Schnelligkeit über den Holzzaun zu klettern, Kuhball im Sprint zu packen und im Dauerlauf zurück zu rennen.


Kuhball hieß also Kuhball, weil er die Kuhweide mochte. Aber auch sonst hatten wir ein Händchen für Namensgebung. Ich hieß Phil, denn ich war Phillip Lahms Ebenbild. Genau so stark in der Abwehr, fast genau so klein. Ich nahm meinen Namen so ernst, dass ich anfing empört zu schnauben, wenn Jemand das Wort „lahm“ in seiner ursprünglichen Bedeutung gebrauchte. Inständig bat ich darum, stattdessen das Wort „langsam“ zu benutzen. Finn hieß Finn, hatte aber die Eigenschaften von David Odonkor, pfeilschnell und durchhaltefähig. Man durfte ihn auch Finn Odonkor nennen. Und Klomann gleichte natürlich Miroslav Klose. Aber weil wir einen Torwart brauchten, eignete er sich auch Jens Lehmanns Eigenschaften an. Nach langem Grübeln entschieden wir uns einstimmig für den Namen Klomann, die Symbiose der beiden Fußballer. Das Klomann eigentlich nie wirklich im Tor stehen wollte, fanden Finn und ich komischerweise erst viel später heraus.

An manchen Tagen regnete es so sehr, dass wir mit Kuhball unmöglich auf unseren Trainingsplatz ziehen konnten. Nachdem wir eine weile lang beobachtet hatten, wie sich der Himmel wie aus Eimern entleerte, überlegten wir uns eine Lösung für die Schlechtwetterlage. Schließlich hatte unser Handeln direkte Auswirkungen auf die Spielergebnisse am Abend. Wir zogen uns gelbe Kleidung an und veranstalteten unter dem grauen Himmel einen Sonnentanz mit eigens zusammengestellter Choreographie und mühevoll gedichtetem Gesang. Da wir bereits einwandfreies Grundschulenglisch beherschten, hörten sich die Zeilen ungefähr so an: „Sun come to me, sun come to me, yellow sun yellow sun yellow sun. Rain go away, rain go away, yellow sun yellow sun yellow sun“. Es wirkte und wurde zum Standartrezept für schlechte Tage.

Bei der Austragung des Halbfinales Deutschland gegen Italien, gewitterte es. Es begann zu donnern und zu blitzen und schließlich viel der Srom aus. Als das Stadion auf der Leinwand flimmernd wieder zum vorschein kam war ein Tor gefallen. Noch ein Stomausfall, ein zweites Tor und schließlich der Abfiff mit einem Sieg für Italien und dem Aus für Deutschland. Ich schloss mich in der Klokabine ein und heulte Rotz und Wasser. Ich glaube Klomann hat es nicht so hart getroffen, aber Finn weinte bestimmt mit mir, obwohl es keiner von uns je zugegeben hat.

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