1/01/2016

FREITEXT

Jemand hat versucht zwei Flaschen Bier in den außergewöhnlich kleinen Mülleimer links neben mir zu stecken. Das hat nicht ganz gelappt. Auf dem Boden bildet sich eine kleine Fütze und es stinkt alkoholisch. Ich sitze im Zug, es ist abends und Silvester. Wenn ich Morgen verschlafen an meinem Kaffee nippe ist ein neues Jahr und ich bin mir sicher, dass das irgendwas bedeutet. Ich komm nur gerade nicht drauf was. Neuanfang vielleicht, oder Weiterentwicklung oder beides oder irgendwas ganz anderes. Ich habe das Gefühl ich stand noch nie so sehr auf dem Schlauch wie dieses Silvester. Was feiert man da nochmal? Hat man da nicht gute Laune, ist ausgelassen und fröhlich? Aber warum? Gerade habe ich Lust auf einen Spaziergang. So um 12 Uhr rum. Alleine.

Züge sind verdammt unpersönlich. Das einzig lebendige sind die klitzekleinen Regetropfen, die sich an die Fensterscheibe geheftet haben wie kleine Perlen. Angestrahlt vom Neonlicht der Haltetstation. Und die Schaffnerin ist lebendig und versucht guten gewissens dem denkwürdigen Tag gerecht zu werden. Es ist Silvester und deshalb möchte die uniformierte Frau mit den kurzen blonden Haaren niemandem die Gebühr fürs Schwarzfahren kassieren. Einen Moment länger als notwendig schaut sie auf den Fahrschein des jungen Mannes auf dem Sitz gegenüber.
„Auf ihrem Fahrschein können sie ja noch Jemanden mitnehmen..“
„Jaaha.. ? „
„würde es ihnen etwas ausmachen, wenn der Herr dort hinten Heute bei ihnen mitfährt? Er hat sein Portmonait vergessen.“
„Achso. Nein, Natürlich nicht.“
„Ach wie gut, Heute ist doch Silvester...“

Ich glaube ich bin wirklich nicht der Typ für lange Zugfahrten, ständige Ortswechsel und große Veränderungen. Und trotzdem ziehe ich das alles an wie.. wie.. na wie der Honig die Bienen. Oder so. Draußen ist es dunkel, hier im Osten ist es kalt und ich fühle mich alleine. Wo ist das Versteck, in das ich mich flüchten kann? Wo ist die bodenlose, erstaunliche und unerwartete Tat, die ich tun kann, um mich selbst von mir abzulenken?

Immerhin habe ich eine Packung Wunderkerzen in meiner Tasche. Und ein Feuerzeug. Ihr werdet schon sehen. Ich könnte mir auch die Seele aus dem Leib tanzen, irgendwann nur noch im Kreis laufen und jeden der mir begegnet fragen, was er sich fürs neue Jahr vorgenommen hat. Und wenn mich jemand zurück fragt sage ich: „Ich habe mir vorgenommen im nächsten Jahr für eine Katze zu sorgen“.

Wie auch immer. Nächstes Jahr sieht die Welt bestimmt schon wieder ganz anders aus.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen