12/15/2015

Elusive

Ein bisschen schlecht ist mir, ich habe zu viel getrunken. Ehrlich gesagt kann ich nicht viel anderes tun als geradeaus ins Leere zu starren. Da kommt sie auf mich zu. Langsam. Beugt sich zu mir herunter und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. Mehr nicht, dann geht sie wieder.

Als ich ihr das erste mal begegnete war ich gerade 17 geworden. Nicht mehr weit weg von Abitur und Berufungsfindung, aber das war mir noch nicht wirklich bewusst. Diese Zeit bedeuetete nämlich, sich mit einem Haufen Projekten zu beschäftigen. Kunst und so, kreative Verwirklichung... genau mein Ding. Sie und ich hatten nicht besonders viel miteinander zu tun. Die Leute mit denen wir rumhingen waren nicht die selben. Und ich glaube, dass sie mich nicht wirklich bemerkte, bis zu
dieser einen Party.


Um zwei Uhr Nachts stand ich dort schwankend vor Müdigkeit unter schwarzlicht-leuchtenden Sternen und Planeten, während laute Musik dröhnend den Alpha-Rhythmus angab, zu dem sich dutzende Körper bewegten. Ich hatte schon meinen Wintermantel angezogen, wollte gerade gehen und wirkte mit der zerknitterten Plastiktüte unter meinem rechten Arm bestimmt leicht desorientiert. Sie war glaube ich gerade angekommen. Jemand rief meinen Namen und als ich sie am dunklen Rand mit einer Freundin sitzen sah, winkte ich ihr kurz zu.

Viel mehr als auf dieser illegalen Party gewesen zu sein, brauchte es nicht um ihr aufzufallen. Das Glaube ich zumindest. Das es die einzige illegale Party war, auf die ich je gegangen bin und das auch nur ganz zufällig, weiß sie nicht. Und vielleicht spielt es auch keine Rolle.

Von da an hatte ich das Gefühl, das sie mich mochte. Das sie mir manchmal im Alltag zwischen Smalltalk und Regenwetter einen Blick zu warf und mich kurz musterte. Meine Bewegungen, meine Gesten. Wenn wir gemeinsam irgendwo hin mussten, nahm ich sie mit dem Auto mit. Viel redeten wir dann nie. Nichts weltbewegendes.

Einmal hatte ich im Sommer meine Schuhe ausgezogen und während wir im stehen mit ein paar anderen Leuten etwas diskutierten, strich ich mit meinen Zehen immer wieder über den borstigen Teppichboden. Als ich aufschaute sah ich sie gegenüber von mir stehen, wie sie meine Füße beobachtete. Und lächelte.

Oft hat sie mich auf Partys eingeladen, in diesen zwei Jahren, bis ich mit der Schule fertig war und Zu hause auszog. Und immer habe ich so etwas wie gelächelt und mich nicht getraut zu kommen. Dabei wollte ein Teil von mir gerne ihre Freiheit erleben, die ich mir dunkel vorstellte, Nachts, mit Alkohol und lauter Musik. Vor der ich Angst hatte, aber die mich anzog wie ein starker Magnet.

Was wäre jetzt anders, hätte ich damals meiner Neugierde nachgegeben? Vielleicht nichts. Vielleicht würde ich genau so hier sitzen mich nach meiner Bestimmung fragen und versuchen das beste aus meinem Leben zu machen. Was dieses Gedankenspiel aber so aufregend macht, ist die zweite Möglichkeit. Vielleicht wäre ich ein Teil dieser Welt geworden und ganz andere Dinge wären mir jetzt wichtig. Aber würde ich das wollen?

Wer sie überhaupt ist und was sie für mich besonders macht.

Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Ich kann das Wesen dieses Mädchens wirklich nur schwer greifen. Vielleicht ist das auch schon der ganze Zauber. Die Faszination dessen, das sich einem nicht erschließt.

Aber wenn man sie anschaut bekommt man das Gefühl, das alles möglich ist. Jemand der nur mit der Art wie er den Kopf hebt, signalisiert, das nichts in der Welt stark genug ist einen von dem abzuhalten, was man wirklich tun möchte. Ein Mensch, der so offensichtlich ausdrückt, dass er sich niemals klein machen wird. Und dann dieses Bedingungslose Wertschätzen meiner Persönlichkeit ohne mich wirklich zu kennen. Alles was sie mir zu spiegeln scheint ist: Du bist ziemlich einzigartig, ausgesprochen großartig. Was ich jedoch wirklich über sie weiß, begrenzt sich auf die wenigen Fakten, dass ihre Familie ursprünglich aus der Sowjetunion kommt und ihr Vater Künstler ist.

Ein Mal hatten wir sogar geplant zusammen auf ein Festival nach Schottland zu fahren. Nur zu zweit. Wer die Pläne schon im Keim ersticken lies und sich nicht zu einem eindeutigen „Ja“ durchringen konnte? Ich.

Es ist inzwischen lange her, dass ich sie das letzte mal gesehen habe. Keine Ewigkeit, aber ein paar Jahre. Unsere Lebenswege werden sich wohl kaum mehr als zufällig kreuzen und möglicherweise soll es so sein. Ein Mensch von hoffentlich noch vielen, der mich das staunen lehrt. Die Fähigkeit sich selbst nicht für selbstverständlich zu nehmen. Eine leise Spur hat sie in meinem Leben hinterlassen, was ich dann merke, wenn ich mich still und heimlich frage, was wohl gewesen wäre wenn... Oder bei einer langen Bahnfahrt, wenn ich meine Gedanken schweifen lasse und mich an den letzten Moment erinnere, in dem ich sie gesehen habe:

Schwindelig ist mir. Wieso gehe ich auch immer gleich aufs ganze, sobald mir Jemand die Gelegenheit gibt? Vielleicht weil ich weiß, dass Alkoholabstürze in meinem Leben eigentlich keinen Platz haben. Diese Holzbank jedenfalls ist erstaunlich stabil und für den Moment gibt sie mir halt. Vielleicht sehe ich verloren aus auf dieser Bank, irgendwie alleine, begossener Pudel. sie kommt auf mich zu. Sie lächelt, lacht, hat so einen federnden Schritt. Wenn ich sie so auf mich zukommen sehe kriege ich das Gefühl, dass das alles hier gar nicht so schlimm ist. Vor mir bleibt sie stehen. Beugt sich zu mir herunter und küsst mich auf die Stirn.

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