12/08/2015

Bahnsteigrevolution


Bunte Winterjacke

Auf diesem Bahnsteig stehen eindeutig zu viele Menschen. Plötzlich losrennen könnte ich jetzt zum Beispiel nicht mehr. Dann würde ich mit mindestens einem dieser trägen Fremdkörper zusammenstoßen. Diese Frau neben dem Mülleimer, in der blauen Daunenjacke mit den hochhackigen Schuhen, die würde garantiert einen schlendernden Schritt genau in meine Zielgerade machen und dann würden wir zusammenstoßen und mindestens einer würde fallen. Wahrscheinlich sie mit diesen Schuhen. Auf plötzliche Manöver ist hier nämlich niemand vorbereitet. Die Blicke starr auf kleine Handydisplays gerichtet, bewegen sich alle in so einer Art unausgesprochenem Rhythmus. Schlender, schlender, stopp, Blick auf die Anzeigetafel, Blick auf die Uhr, Schlender, wieder stopp. Bis die Bahn ratternd am Bahnsteig hält. Würde sich jemand auf den Boden setzen und es sich bequem machen, oder eben mal einen kurzen Sprint einlegen, dann wäre das nicht in Ordnung. In-ak-zep-tabel. Und deshalb würde so jemand entweder mit hochgezogenen Augenbrauen und stechendem Blick gestraft. Oder einfach ignoriert, was aber mindestens genau so stechend zu spüren wäre. Auch so ein ungeschriebenes Gesetz der Masse: der, der sich am auffälligsten verhält, oder am extravagantesten angezogen ist wird angestarrt oder (genau, gut aufgepasst) ignoriert. Manchmal stört mich das.

Seit kurzem habe ich eine sehr bunte Winterjacke und vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich habe das Gefühl als würde die träge Masse mich beobachten.
Dabei ist es ja eigentlich so, dass auch ich Teil der trägen Masse bin. In den paar Minuten in denen ich den Bahnsteig betreten habe, bin ich eins mit ihr geworden. Jeder meiner Schritte ist im exakten Rhythmus. Vielleicht ist eine bunte Jacke deshalb gar nicht so verkehrt. Irgendwo zwischen schwarzes Schaf und weißes Lämmchen. Mann muss sich eben langsam heran tasten, an die Bahnsteigrevolution.

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