11/08/2015

Welttheater der Straße



Meine Heimatstadt Schwerte ist klein, irgendwie nett und hat nichts außergewöhnliches zu bieten. Außer an diesem einen Wochenende, jedes Jahr im Sommer, an dem die 80000-Einwohner-Stadt zum Treffpunkt kreativer und außergewöhnlicher Gäste aus aller Welt wird. Seid ich klein bin, gibt es nichts magischeres, als diese kurzen drei Tage, an denen sich Schwerte im Ausnahmezustand befindet. Die Altstadt, die Straßen, die Fußgängerzone... all das verwandelt sich dann nämlich in eine faszinierende Kulisse aus kleinen Zirkuszelten, Teelichter geschmückten Wegen, Manegen und Bühnen, Bunt angestrahlten Bäumen und einer neugierigen, die Straßen bevölkernden Menschenmenge.
Ich spreche vom „Welttheater der Straße“, einem Festival, welches Theater, Schauspiel und Bühnenkunst für ein paar Abende auf die Straße holt. Manchmal ist Kunst nirgendwo lebendiger als dort. Auf Asphalt und Kopfsteinpflaster, zwischen dicht gedrängten Schaulustigen.

Das „Welttheater der Straße“ hat auch als ich erwachsen wurde nicht an Magie und geheimnisvoller Stimmung verloren. Und dass das Wochenende im August nicht anderweitig verplant wird ist Ehrensache. Natürlich gleicht kein Festival dem anderen, jedes Jahr sieht man neue Dinge und dieses Jahr sind sie definitiv ein paar Zeilen in meinem Blog wert. 



Welttheater der Straße 2015


In einem Hinterhof, auf einer Wiese, wurde ein Zwei-Mann-Stück gespielt, dessen pavillonartige Bühnenüberdachung mit Bierbänken, für das zahlreiche Publikum, umstellt war. Es war ein gutes improvisiertes Stück, welches mich in den Bann zog und an ein paar Stellen zum lachen brachte. Ein bisschen auch zum Nachdenken. Gutes Theater einfach.
Am Ende der Vorführung angelangt löste sich das Publikum rasch auf und nur meine Begleiterinnen und ich  blieben auf einer der Bänke zurück, während die beiden Akteure begannen, die spärliche Bühnenausstattung abzubauen. Wenn eine Etappe des Abbauens erfolgreich geschafft war, klatschten wir, erst zaghaft, dann immer bestimmter und amüsierten uns dabei köstlich. Besonders als, von unserem Applaus angezogen, neue Zuschauer in den Hinterhof und auf die Wiese strömten. Die mit dem Abbau beschäftigten Schauspieler hatten sich Musik zu ihrer Arbeit angemacht, was dem Bild der hin und her laufenden Männer die nötige Stimmung und Dynamik verlieh. Man verstand nicht sofort, dass es sich hier nicht um ein wirkliches Theaterstück handelte. In Momenten, in denen es uns passend erschien, applaudierten wir und die immer größer werdende Menschenmenge stimmte einfach mit ein. Keiner schien sich zu wundern, keiner sich zu fragen was hier beklatscht wurde. Besonders einer der beiden Schauspieler hörte nicht auf den Kopf zu schütteln, während er Pappdekoration in einen Karton stopfte. „So viele Menschen, die mich einfach nur angucken, hätte ich gerne da gehabt, als ich geboren wurde. Ja wirklich, als ich aus meiner Mutter raus kam, da hätte ich gerne so eine Menschenmenge gehabt, die einfach klatscht, ohne das ich etwas mache.“ verkündet er dem neugierigen Publikum. „Aber warum unterhalte ich mich überhaupt mit euch?“ bemerkt er dann, von sich selbst überrascht. „Ich baue ja nur ab. Das hier ist kein Theater!“ ruft er laut in die Menge. Es klingt so dramatisch, dass wir erneut in johlenden Applaus ausbrechen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen