11/14/2015

Vogelfrei



Die Straßenbahn kreischt sich ihren Weg über die Gleise wie ein metallener Drache. Hält, spuckt Fahrgäste aus, fährt wieder. Ich stehe ganz nah an den Gleisen. Ein Vogelflügelschlag von der Kante entfernt. Nicht unsicher - weil ich gerade die Schultern nach hinten und die Brust nach vorne gestreckt habe. Selbstbewusst, weil ich jede Bewegung plane und kontrolliere.

Jemand stellt sich neben mich und atmet. Luft nach innen. Luft nach außen. Ein Junge in meinem Alter. Haut wie schwarzer Kaffee ohne Milch. Baseballcap, Kopfhörer auf den Ohren, Hose in den Kniekehlen.

Er formt sein Atmen neben mir zu Worten. „Kennst du mich noch?“ Ich drehe meinen Kopf. Gucke ihn an. Ganz schnell, lasse mir keine Zeit. „Nein, Ich weiß nicht“ staple ich wackelige Wörtertürme. „Ich war doch der im Park. Wo mein Freund noch gesagt hat er findet dich süß“ fährt er fort. Ich schüttle den Kopf. Er wird mir unangenehm. Er kommt mir zu nahe. Er riecht nach Schweiß. Ich auch, aber nach meinem eigenen.

Der Junge wendet sich von mir ab. Geht ein paar Schritte auf die Gleise zu und fällt. Neben mir auf die Knie. Als würde er beten nähert er sich mit dem Oberkörper dem Boden. Die ganze U-Bahn Haltestelle hat ihn im Fokus. Bewirft ihn mit Blicken die sich mehr und mehr distanzieren. Ich auch. Ich gucke ihn genau so an wie jeder andere hier.

Als die U-Bahn kommt steigen wir ein. Auf jeden Schritt den ich mache folgt mir einer des fremden Jungen. Dicht hinter mir. Ich kann nicht kontrollieren was er macht. Ich kann nicht planen was passiert.

Die U-Bahn ist fast leer aber ich setze mich in einen Vierer in dem schon zwei Leute sitzen. Er setzt sich neben mich. Wir alle starren durchs Fenster ins Draußen, fahren stumm U-Bahn, nur er nicht. Baseballcap versucht die Aufmerksamkeit der Beiden vor uns mit Worten auf sich zu lenken. Wie an einer erbarmungslosen Wand bleiben seine Worte kleben und tropfen herunter.

Ich denke über ihn nach. Über Baseballcap. Er wirkt wie Jemand der frei ist, aber nicht weiß, was er mit dieser Freiheit anfangen soll. Nichts mit ihr anfangen kann. Vogelfrei. Vielleicht sitzt er Tag für Tag in U-Bahnen und sucht nach einem Käfig.

An der nächsten Station steigen zwei Kinder ein. Als er sie sieht steht er auf. Plant nicht, kontrolliert nicht. Fast intuitiv. Er geht zu den beiden hin und redet mit ihnen. Ich kann nicht verstehen was er sagt. Eins der Kinder hat ein Trinkpäckchen in der Hand. Baseballcap streckt die Hand danach aus und bereitwillig wechselt es seinen Besitzer. Er legt seine Hand auf den Kopf des Jungen dem das Trinkpäckchen gehört hat. „Pass auf dich auf“ sagt er. Dann dreht er sich zu dem Mädchen das daneben sitzt. Wieder fällt er auf die Knie. Nun aber zu ihren Füßen. Wieder beugt er den Oberkörper nach Vorne und küsst ihre Schuhe. Das Mädchen sagt kein Wort. Guckt nicht entsetzt wie die Leute in meinem Vierer. Sitzt einfach.
Dann kommt er zurück zu mir. Setzt sich wieder neben mich und trinkt das Trinkpäckchen aus. Als es leer ist hält er es mir hin. „halt mal kurz“ sagt er und ich will nicht. Will nicht sein leeres Trinkpäckchen halten. Will nicht die Blicke auf mich ziehen.

Ich mache keine Anstalten das Trinkpäckchen zu nehmen und auch er nimmt die Hand nicht zurück. Wie ein stiller Kampf des Standhaltens. Für einen kurzen Moment schließlich nehme ich es doch und lege es dann neben mir auf den Sitz. Baseballcape gibt sich bewundernd und ich weiß nicht ob er mich auslacht. „Das einfach hinzulegen. Du bist so schlau, darauf wäre ich nicht gekommen.“ Er sagt es wie ein vierjähriger Junge der zu einem Helden aufblickt, doch in seinen Augen blitzt überlegene Intelligenz.

Als ich meine Freundin weiter hinten in die U-Bahn einsteigen sehe, bin ich erleichtert, aufstehen und zu ihr gehen zu können. Auf eine Art fasziniert mich der fremde Junge. Es macht mich neugierig wie er beharrlich versucht, das stille abkommen der gegenseitigen Distanz unter Fremden zu durchbrechen. Auf der anderen Seite macht er mich unruhig.
Ich begrüße meine Freundin, setzte mich mit ihr in einen freien Vierersitz und wir reden. Ich rede. Dann schweige ich, weil neben mir jemand atmet. Luft nach innen. Luft nach außen. Zu meiner Freundin hin verdrehe ich die Augen und schon legt Baseballcap mit seinem Programm los. Er holt seinen iPod aus der Tasche und erzählt meiner Freundin, er würde ihn nicht mehr ausgeschaltet bekommen. Ob sie das nicht mal versuchen könnte. Wie eine Welle kommt der Wortschwall des Jungen ins rollen. Eine Welle die plötzlich erstarrt, weil sie durch das ignorieren meiner Freundin zu Eis gefriert.

Während er redet drängt sich mir das Bild einer gestrandeten Robbe auf. Hilflos mit zu kurzen Flossen paddelnd, um wieder an eine Art Strom oder Richtung zu kommen. Irgendwas das weiter hilft. Dieser Junge wirkt so fremd in dieser U-Bahn voller Leute. Wie er versucht mit jedem ein Gespräch zu beginnen, den Menschen in die Augen guckt. Trinkpäckchentricks anwendet, um die Aufmerksamkeit die er will zu bekommen. Unbeholfen. Wie ein Clown oder ein Hofnarr.

Auch als wir aussteigen müssen bleibt er bei mir. Folgt jedem meiner Schritte und ich muss grinsen. Zu dritt laufen wir durch die U-Bahn Station.

Plötzlich bleibt meine Freundin stehen und dreht sich um. Mit ausgebreiteten Armen wie Flügel eines drohenden Schwans steht sie vor Baseballcap. „Hau ab“ sagt sie leise aber sehr bestimmt und mir ist als würde mich der Fremde angucken. Er versucht gerade aus zu laufen. aber meine Freundin steht wie eine Sperre vor ihm. Viel kleiner als er, aber undurchdringlich. Er macht keine Anstalten zu gehen und jetzt hebt meine Freundin die Stimme. „Verpiss dich!“. Kaum merklich zittert der Junge. Plötzlich sehr verletzlich. Versucht noch einmal ein durchkommen, vergeblich. „Im ernst. HAU AB!“ Meine Freundin schreit und Baseballcap senkt den Kopf. Wie ein geprügelter Hund zieht er den Kopf zwischen die Schulterblätter. Schwanz eingezogen. Er macht kehrt und rennt zurück zum U-Bahn Drachen, der da noch steht. Verschwindet geradewegs im Maul.

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