11/20/2015

Jeder Tag ist eine Reise wert

Von der Kunst, das Leben in vollen Zügen zu genießen. 


Jeden Tag fahre ich vier Stunden Zug, oft noch eine halbe Stunde Fahrrad und mindestens 10 Minuten laufe ich. Das ist deshalb so, weil ich seit kurzer Zeit im idyllischen Brandenburg wohne, aber in Berlin arbeite. Neben den Kilometern, die ich jeden Tag zurück lege, fühle ich mich oft, als würde ich in eine andere Welt reisen. Morgens starte ich in einem 40-Seelen Dorf und finde mich zwei Stunden später in einer 3,5-Millionen Stadt wieder, mit U-Bahnen, S-Bahnen und Bussen, wo doch in meinem Wohnort der einzige Bus nur fährt, wenn man ihn anruft. Längst bin ich Meisterin im "gemütlichen Zurücklehnen" geworden. In der alltäglichen Pendel-Welt geht es darum, sich den besten Fensterplatz zu erkämpfen, etwas leckeres zu Essen dabei zu haben und die Zeit so sinnvoll wie mögliche zu nutzen. Störenfriede und Erzfeinde sind Fahrkartenkontrolleure, die IMMER dann wenn man sich gerade gemütlich eingerichtet hat kommen und nicht eher wieder gehen, bis man den Fetzen Fahrkarte aus den Untiefen seiner Tasche gekramt hat.

Manchmal erlebt man beim Zugfahren auch spannende Sachen. Kaum bemerkenswert alltägliche und ein klein wenig erschreckende. Vor ein paar Tagen wurde der Zug in dem ich saß von einer Lok gerammt und musste evakuiert werden. Keiner wurde verletzt, aber ich fand mich plötzlich zusammen mit 500 weiteren Insassen im Dunkeln entlang der Gleise zum nächsten Bahnhof wandern.

Und dann gibt es noch Momente wie diese:

Zwischen Friesack und Paulinenaue

 

Der Zug ist überfüllt, Leute drängen sich im Abteil. Im Zweiersitz vor mir liest ein älterer Mann Zeitung. Im Gang neben ihm steht ein Mann mitte 20, offensichtlich mit Migrationhintergrund, der gebannt auf die ausgebreitete Zeitung starrt und stumm mit seinen Lippen die Wörter formt. Als der ältere Mann zur nächsten Seite blättert, sticht eine Überschrift ins Auge: "Werden die Einwanderungsgesetze verschärft?". Darunter prangt ein Bild von Angela Merkel. Der ältere Mann schüttelt den Kopf und murmelt vor sich hin. Plötzlich dreht er seinen Kopf abrupt  zur Seite und mustert den über ihm stehenden Mann. "Sind sie ein Flüchtling?" fragt er.  

Auf eine meiner alltäglichen Reisen habe ich meine Kamera mitgenommen und versucht festzuhalten, was ich sehe.




Ein grauer Morgen. Und trotzdem irgendwie schön.
Ein Farbklang, dumpf und regnerisch. Eigentlich finde ich ja, dass man von November bis Februar Winterschlaf machen sollte. 







Der Bahnhof ist auch nicht mehr das, was er mal war. Das Gebäude ist so herunter gekommen, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es mal als Anlaufpunkt für Reisende diente.


Dystopie?

Schon der Bahnhof Gesundbrunnen ist eine andere Welt. Zu viele gehetzte Menschen. Aber zum Glück auch der Bioladen, in den man sich setzen und Kaffee trinken kann, wenn die Bahn zurück ausfällt.


Vielleicht die schönste U-Bahnhof Eingangshalle. Hier gibt es immer Blumen und manchmal Cello-Musik von einem Straßenmusikanten. Wenn er mit seinem Bogen und dem hölzernen Klangkörper alles andere übertönt, fühle ich mich plötzlich sehr allein auf der Welt. Aber auf eine gute Art.







Großstadtzitrone. Berlin ist eben Multi-Kulti und braucht sich nicht an länderspezifische Vegetation zu halten. 




Das Zeichen dafür, dass ich fast bei meinem Arbeitsplatz angekommen bin. Ein Werbeplakat für das Buch, was wir heraus geben. Ich hoffe es bleibt noch lange dort hängen um mich morgens zu begrüßen.



Großstadtvogel. Rabenschwarz. Wie weit der wohl fliegen kann? Raus aus der Stadt? Dort hin wo weite Felder sind, Wälder, Seen und Flüsse? Ich wünsch ihm, dass er mal Pause machen kann.


 Mein erklärtes Lieblingscafé in dem die Bedienung nur Englisch versteht. Auch wenn ich Heute keine Zeit für inspirierende Kaffeetrinkstunden habe. Aber bald bestimmt mal wieder.



Der Bäcker am Bahnsteig gaukelt irgendwie Gemütlichkeit vor, finde ich. Präsentiert sich da so, mit all seinen Backwaren... Dabei kann man sich nicht mal hinein setzen, um die Welt zu vergessen.


Fast bin ich wieder zu Hause. Dunkel ist es schön längst und es regnet wieder. Trotzdem ärgere ich mich Heute nicht, dass ich das letzte Stück mit dem Fahrrad fahren muss. Pedale. Treten. Regentropfen. Nässe.
Als ich angekommen bin, habe ich irgendwie den Wunsch schwimmen zu gehen.

1 Kommentar:

  1. Sehr schöne Bilder! :)

    xx Sarah
    It's not a picture perfect life
    Bei mir läuft zur Zeit eine Blogvorstellung. Vielleicht möchtest du ja mal vorbei schauen? <3

    AntwortenLöschen