10/17/2015

Schule erobern

 Von großen Abenteuern, die Niemand wirklich mitbekam. 

Foto: Edwin Illian


Die Schule auf die ich gegangen bin, führte von der ersten Klasse bis zum Abitur. 13 Jahrgänge vereint auf einem Schulgelände. Die einzige Trennung zwischen kleinen "Pimpfen" und ausgewachsenen Mittel- bis Oberstufenschülern bestand durch zwei verschiedene Gebäudekomplexe. Ab Stufe 7 zog man mit seiner Klasse in den Westbau, fühlte sich dann groß und überlegen gegenüber den „Zwergen“ nebenan, obwohl man jetzt doch wieder das i-Männchen im neu eroberten Gebäude war.

Als ich ungefähr in die dritte Klasse ging, besaß der Westbau, das Gebäude der „Großen“ auf einmal eine ungeheure Anziehungskraft. Auf der einen Seite war es unsicheres Land und furchteinflößend wegen der Schaaren von älteren Schülern, die sich in den Fluren und Räumen nur so tummelten, ganz zu schweigen von den Oberstufenlehrern. Wer wusste schon was einem da passieren konnte, in diesem Haifischbecken. Andererseits reizte das Unbekannte. Im Untergeschoss glitzerte der Boden von vielen kleinen reflektierenden Punkten und dann gab es da noch das Herz des Westbaus: den roten Saal! Die Schulaula, die man eigentlich gar nicht so nennen darf, weil sie nichts mit den popeligen Aufführungshallen andere Schulen gemein hatte. Da gab es Zuschauertribünen, die hoch gingen, bis zur Decke. Eine Bühne mit Holzdielenboden und rotem Samtvorhang. Und mindestens 8 verschiedene Türen, von denen manche auf versteckte Art und Weise in den Saal führten.

Es dauerte nicht lange, da entwickelten wir ein Spiel, das wir nur in den Freistunden spielen konnten und das in höchstem Maße abenteuerlich war. Während sich Lehrer und Schüler in den Klassen beim Unterricht befanden, schlichen wir durch die große Eingangstür in den Gebäudeflur. Von da aus teilten wir uns auf und nahmen entweder alleine oder in kleinen Gruppen von zwei, drei Kindern die verschiedenen Treppen aufwärts zu Stock eins und zwei. Dabei durften wir keine Geräusche machen und wenn ein verirrter Schüler oder Lehrer die Treppe herunter gepoltert kam mussten wir uns verstecken. Besonders auf einen Lehrer durften wir nicht treffen, denn dann war die Chance sehr hoch, dass wir vor die Tür gesetzt wurden. Also hielten wir den Atem an, tapsten auf Zehenspitzen. Wenn wir durch die, von der anderen Seite das Ganges herüber hallenden Stimmen mitbekamen, dass ein Mitstreiter aus dem Gebäude gebeten wurde, dann kämpften wir einfach weiter. Ziel des Spiels war es jedes Mal, in den Roten Saal zu gelangen. Natürlich waren die Haupteingänge meistens verschlossen, deshalb kam es darauf an, so lange die Nebentüren zu überprüfen, bis wir eine unverschlossene Tür gefunden hatten. Das war der schwierigste Teil und meistens wurden wir erwischt, bevor wir es bei allen Türen versuchen konnten.

Ein einziges Mal bin ich so mit drei Mitschülern im Roten Saal gelandet. Und ein paar Momente haben sich unvergesslich in mein Gehirn gebrannt. Das langsame herunterdrücken der Türklinke und das Gefühl, als sie sich leise öffnete. Dieser gigantisch große Raum vor uns, das Glücksgefühl einen Sieg davon getragen zu haben und eine Freiheit, die man nur mit viel Platz um sich herum empfinden kann. Wir sind durch die Sitzreihen gelaufen mit beiden Armen ausgestreckt, die Sitzlehnen entlang streichend und dann natürlich mit einem Satz auf die Bühne gesprungen. Als wir gerade im Zentrum der Aufmerksamkeit des leeren Saals standen, hörten wir, wie sich ein Schlüssel im Schloss der Eingangstür drehte. Zwischen zwei Stellwände bin ich in einen der Backstage-Räume gelaufen. Als wenig später jemand den Lichtschalter betätigte, habe ich meine kleine Gestalt hinter einen Kleiderständer voller Umhänge geschoben. Während ein Lehrer irgend etwas in der Ecke neben mir zu suchen schien, tastete ich so lange die Wand hinter meinem Rücken ab, bis ich endlich die Türklinke der Tür zum Flur zu fassen bekam. In einer blitzschnellen Bewegung öffnete ich sie und rannte den Gang entlang, ohne den lauten Knall abzuwarten, mit dem sie wieder ins Schloss fiel. So viel Herzklopfen. So viel siegreich bestandenes Abenteuer.





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