7/29/2015

Tagebuch einer Slammerreise

Im Februar 2013 reiste ich eine Woche lang als Auftretende von Poetry Slam zu Poetry Slam, meine Erfahrungen habe ich aufgeschrieben.

Foto von Markus Rennings

Poetry Slam, 10.2.13, Fürth

Meine kleine Reise hat begonnen und ich bin froh unterwegs zu sein. Der erste Poetry Slam findet in Fürth statt. Übernachten kann ich bei meiner besten Freundin und ihrem Freund, die etwa eine Stunde vom Veranstaltungsort entfernt, in Bamberg (beides in der Nähe von Nürnberg), wohnen. Ich fahre schon am Samstag dort hin, um noch ein bisschen Zeit mit den Beiden zu verbringen. Dann, am Sonntagabend ist mein erster Slam. Ich bin mir ein bisschen unsicher, ob der Poetry Slam-Veranstalter der „Kofferfabrik“ mich wirklich in die Liste der auftretenden Slammer mit aufgenommen hat, denn der E-Mail Kontakt war etwas komisch und am Ende uneindeutig. Aber wir fahren am frühen Sonntagabend einfach nach Fürth. In der „Kofferfabrik“ angekommen freue ich mich total. Ein Hinterhof, voller Kunst, Graffitis und Bildern, Lichterketten, Lampions. So viele Türen die in Räumlichkeiten führen, dass ich keine Ahnung habe, wo ich hingehen soll, um mich als Auftretende zu melden. Schließlich finde ich, nach dem ich quer durch eine Bar gegangen bin und eine Tür geöffnet habe, die Bühne mit dem Mikrofon und die Zuschauerreihen, nach denen ich gesucht hatte.

 Fast wird mir die Tür wieder vor der Nase zu geschlagen. „Hier ist noch geschlossen“ sagt mir ein großer Man. „Es sei denn, du willst auftreten“ fügt er dann den aus seinen Augen wohl etwas unwahrscheinlichen Fall hinzu. Ich nicke, gehe in den Saal und erkläre wer ich bin. Und ja, ich stehe auf der Liste der Auftretenden. Es ist schön, dass ich da bin, kriege ich gesagt und fühle mich gleich viel besser. Nicht mehr so unsicher. Es ist noch eine Dreiviertelstunde Zeit, bevor die Veranstaltung beginnt und so setzen wir uns in die Bar vor dem Veranstaltungsraum und essen noch etwas. Als Slammerin habe ich alle Getränke frei. Ich mag das Gefühl, an den Tresen zu gehen, nach meiner Bestellung gefragt zu werden und dann mit selbstbewusster Stimme zu sagen „ich trete hier auf“, worauf hin mir mein Getränk wortlos ausgehändigt und eine Bezahlung überflüssig wird. Als wir am Tisch sitzen und essen werde ich plötzlich nervös. Ich habe meine Texte neben dem Teller auf dem Tisch ausgebreitet und falte sie nun nacheinander in handliche Quadrate, die ich in meine Tasche stopfen kann. Jedes Zettelquadrat beschrifte ich mit dem jeweiligen Titel des Textes. Ich komme mir dabei relativ professionell vor, denn so habe ich es schon oft bei anderen Slammern beobachtet. Ist ja auch praktisch und ergibt Sinn. Also mache ich das jetzt auch so. Während ich also die Zettel falte, werde ich nervös und hektisch. „Warum wirst du auf einmal so hektisch?“ fragt mich Simon. Ich gucke ihn vorwurfsvoll an. „Es ist nur noch eine halbe Stunde“. Ich gebe die Hälfte meines Essens den Anderen, weil mein Bauch gerade andere Sachen zu tun zu haben scheint. „Der Trick beim Slammen ist“ erkläre ich den anderen und versuche mich damit noch einmal selbst zu beruhigen, „der Trick ist, dass man einfach auf die Bühne geht und Spaß daran hat. Und wenn es den Zuschauern gefällt.., um so besser. Man darf nur nicht zu sehr darauf hören, was die anderen Slammer vortragen. Also schon darauf hören, aber auf keine Fall anfangen, sich mit denen zu vergleichen.“. Eine Viertelstunde vor Beginn des Slams, gehe ich dorthin, wo die Slammer sitzen. Ich mag Slammer. Alles interessante, nette, sympathische Leute. Ich mag mich auch gerne mit denen unterhalten. Und das tue ich dann, bis der Moderator die Bühne betritt. Einen der Slammer habe ich vielleicht sogar schon einmal gesehen. Auf irgend einem anderen Slam. Aber wahrscheinlich trifft man sich in der Szene sowieso immer wieder. Als der Moderator anfängt den Zuschauern zu erklären, was Poetry Slam und was des Zuschauers Aufgabe dabei ist (mit Punktetafeln bewerten, klatschen, ausrasten, lachen), ist der Punkt gekommen, an dem ich anfange, mir ernsthafte Sorgen zu machen. All diese Sorgen teile ich dem Poetry Slammer neben mir, der mir so bekannt vorkam und Tom heißt, mit. „Ähhh, habt ihr alle so Blätter? Also lest ihr das ab? Oder tragt ihr das auswendig vor?“ Er grinst mich an. „Mein Gott, du bist so süß. Also nicht negativ gemeint. Ganz unterschiedlich. Manche auswendig, manche lesen ab“. Ich nicke. „Ich glaube du brauchst dir echt nicht so viele Sorgen zu machen..“ startet er einen Versuch, mir meine Bedenken zu nehmen. Da unterbreche ich ihn: „Weißt du was ich mir gerade für Sorgen gemacht habe? Ich habe mich gefragt, was ich machen soll, wenn ich auf die Bühne gehe und das Mikrofon ist zu groß.“ Tom bleibt ganz ruhig. „Das einzige was du dir merken musst, ist, nach links geht es auf, nach rechts zu. Wenn du dann auf der Bühne bist, kannst du ganz professionell das Ding aufdrehen und größer oder kleiner machen. „Und was ist, wenn ich vergesse wo rechts und links ist?“. Da kann Tom auch nichts mehr sagen. Der Moderator ist inzwischen mit seiner Moderation so weit vorangeschritten, das er die Reihenfolge der Teilnehmer auslost. Das ist spannend. Meistens ist es so, dass die Wertungen der Zuschauer gegen Ende des Slams tendenziell immer etwas höher werden. Deshalb hat man ein bisschen die Arschkarte gezogen, ist man der Erste oder unter den ersten Auftretenden. Ja, ihr wisst alle, was meine lange Vorrede bedeutet. Ich wurde also als Erste ausgelost.

 Ich bin mir etwas unsicher, ob ich jetzt wirklich auf die Bühne gehen soll und schaue mich zweifelnd um. Aber alles deutet darauf hin. Ich bahne mir meinen Weg zur Bühne, gehe langsam die kleine Treppe hoch und stehe im Licht. Ich stehe richtig, richtig im Licht. Ich kann keinen Menschen um mich herum erkennen. Ich muss blinzeln. Ich.. ich. Mein Gehirn erinnert sich an die Sache mit dem Mikrofon. Es steht vor mir. Es ist zu groß. Nach links auf, nach rechts zudrehen, klappt erstaunlich gut und so bringe ich das Mikrofon schließlich auf die richtige Höhe. Meine Begrüßung fällt dann etwas knapp aus. „Hallo. Ich erzähl euch jetzt was. Vielleicht gefällt´s euch.“ Auch nicht wirklich geistreich oder intelligent, aber egal. Ich falte halt mein Textblatt auseinander und fange an. Das ist eine Sache die ich wirklich sehr mag. Meinen Text. Meine Stimme. Raum voller zuhörender Leute.

 Meine Beine zittern, registriere ich. Es könnte sein, dass ich irgendwann umfalle, weil meine Beine sich durch gezittert haben, registriere ich. Ich trete eine bisschen von einem Bein aufs andere, komme gegen das Beine zittern aber irgendwie nicht an und mache einfach weiter mit meinem Text. Applaus am Ende, ein „Dankeschön“ von mir und Abgang. Viele Augen, die mich angucken, während ich auf meinen Platz auf dem Sofa zurückkehre. Es folgt der nächste Text, ohne meine Bewertung dazwischen. Das finde ich sehr nett. So hat man wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt beim Bewerten der Texte, wenn man noch einen zweiten gehört hat. Als der zweite Slammer mit seinem Text fertig ist, wird erst mal meiner bewertet. 5 Wertungstafeln. Der Moderator zählt den Countdown. Bei drei halten alle ihre Wertungen nach oben. Eins, zwei drei. „Da haben wir, eine 7, eine 6, noch zwei mal die 7 und eine 9. Die höchste und die niedrigste Wertung wird gestrichen. Das sind 21 Punkte für Kira.“ Von nun an reihen sich die Slammer aneinander. Ich höre unglaublich gute Texte. Das Meiste ist lustig, eher wie Comedy. Aber manche Texte sind auch ernster, so wie meiner. Von meinem Gefühl her kommen die lustigen Texte um einiges besser an als die ernsten. Alle Wertungen der Texte, die nach mir kommen, sind höher als die Wertung für meinen, nur einmal nicht. Finale wird heute nix, aber ich habe trotzdem richtig, richtig gute Laune. Ich kann die ganze Zeit nur grinsen. In der Pause gehe ich aufs Klo und werde in der Warteschlange vor den Frauentoiletten auf meinen Text angesprochen. Wie man auf „so was“ kommt werde ich gefragt. „Ich hab das selbst erlebt. Das hat von mir erzählt.“; sage ich und versuche mir zu merken, dass ich das das nächste Mal vielleicht gut bei der Begrüßung auf der Bühne erzählen könnte. Der Slam endet schließlich spät und mit zwei Siegern statt einem, bei dem die Wertungen und der Beifall identisch waren. Alle Slammer stehen noch einmal auf der Bühne, während die Sieger mit einer Flasche Wein ausgezeichnet werden. Einer der Slammer, die in einer Reihe neben mir stehen, tippt mich hinter dem Rücken von dem neben mir stehenden an: „Fährst du gleich mit der U-Bahn?“, will er wissen. „Nein, ich bin mit dem Auto da“. „Dann warte gleich mal kurz“ sagt er. Alle Slammer verlassen nun nach und nach die Bühne, die Zuschauer den Raum. Die Stimmung ist fantastisch. Ich soll also warten. Ich versuche es so aussehen zu lassen, als würde ich nicht wartend herum stehen. Gratuliere Tom, der einer der beiden Gewinner ist und trinke die letzten Schlucke aus meinem Wasserglas. Schließlich kommt der Slammer, auf den ich warten sollte, zu mir. Er fragt mich, ob ich Lust habe. bei seinem Poetry Slam aufzutreten und gibt mir einen Flyer mit der Adresse zum anmelden. Ich verabschiede mich schließlich von den anderen Slammern, quatsche noch ein bisschen mit Tom und kriege noch 15 Euro von meinem Fahrtgeld erstattet.


Poesie und Pommes, 11.2.13, Reutlingen

Wenn ich schon dachte, der Poetry Slam in Fürth wäre groß gewesen, dann ist das hier noch eine Nummer größer. Eine ordentliche Nummer. Der Eintrittspreis liegt bei 6 Euro und der Veranstaltungsraum ist ungefähr drei mal so groß. Wenn nicht noch größer. Zwischen der Bühne, die mir riesig vorkommt und dem Publikum, ist ein deutlicher Abstand. Das war in Fürth anders. Da saß das Publikum direkt an der Bühne. Hier sind ungefähr 5 Reihen Zuschauer, dann ein unterbrechendes Geländer und noch einmal etwa 10 Reihen. Eine Treppe nach oben führt auf eine Empore, auf der noch einmal 5 Zuschauerreihen Platz haben. Eine Empore! Mir kommt das alles riesig groß vor. Die Zuschauerzahl würde ich auf etwa 300 schätzen. Ich komme wegen meiner blöden Zugverbindung erst etwa 10 Minuten vor Beginn des Slams an und suche hektisch jemanden, bei dem ich mich melden kann. Werde an verschiedene Leute verwiesen, gerate schließlich an den Veranstalter und werde zu den anderen Slammern gebracht. Es ist überhaupt nicht schlimm, dass ich erst so spät da bin. Meinen riesigen backpacker Rucksack stelle ich neben meinem Stuhl ab und begrüße die anderen. Wir sitzen im Publikum nahe der Bühne, aber alle an einem Ort. Wieder sind Getränke für mich frei und ich hole mir eine Flasche Wasser, bevor ich mich an meinen Platz setze. Je länger ich mich in dieser Halle um gucke, desto mulmiger wird mir. Ewig kommt es mir vor bis der Veranstalter und Moderator die Bühne betritt. Aber dann geht es los. Das Publikum wird eingestimmt und die Reihenfolge der Slammer ausgelost. Diesmal habe ich einen sehr guten Platz. Von den 8 Auftretenden bin ich die Letzte. Ganz unten steht mein Name an der großen Tafel „Kira Wybierek“. Nun treten die Slammer in ausgeloster Reihenfolge auf. Nach jedem Vortrag spielt ein verkleideter Mann auf der Bühne etwas Improvisiertes auf einem Klavier oder Akkordeon. Jedes mal passt es zu dem Vortrag des davor aufgetretenen Slammers. Vier der acht Slammer treten auf, dann wird anhand des Klatschen des Publikums ein Finalist aus diesen Vier ermittelt. Ein männlicher Slammer mit lustigem Text über Gynäkologen (ich erinnere mich nur noch sehr schemenhaft an den Inhalt) ist es, dem die Ehre zu Teil wird. Es folgen 20 Minuten Pause, in denen ich Zeit habe meine Nervosität bis zum Maximum zu steigern. Ich unterhalte mich mit Immanuel, den ich aus der Gegend kenne und bei dem ich einen Übernachtungsplatz habe. Dann irgendwann geht es weiter. Meine Hände sind feucht und ich versuche mich angestrengt auf das zu konzentrieren, was die nächsten Slammer sagen. Irgendwie beginne ich die Texte der anderen nach lustig oder ernst zu unterteilen. Zweimal lustig, einmal ernst, dann bin ich dran. In der ganzen Zeit, die ich auf meinen Auftritt warten musste, konnte ich mich nicht zwischen zwei meiner Texte entscheiden. „Zug“ oder „Sommer“. Ich lasse das zusammengefaltete Zugpaket auf dem Tisch liegen und nach einer reichlich improvisierten Anmoderation des Moderators (irgendwas mit BvB und Fußball, weil ich ja aus Dortmund komme) gehe ich zur Bühne. Ich versuche mich daran zu erinnern, locker zu sein und ein bisschen zu quatschen. Interaktion mit dem Publikum und so. Schließlich stehe ich oben, stelle das Mikrofon auf meine Größe ein und muss grinsen. „Ich mach mir immer Gedanken vor so Poetry Slams, was mir alles schreckliches passieren kann auf der Bühne“ höre ich meine eigene Stimme, die den ganzen Raum ausfüllt. „Letztes mal war es: "was mache ich, wenn ich auf die Bühne gehe und das Mikrofon ist zu groß“ leise Lacher lösen sich aus den Rängen. Ich rede weiter. „Woraufhin ich die Antwort bekam: 'Ja Kira, dann stellst du`s dir einfach auf die richtige Größe ein.' Das hab ich jetzt gemacht. Hat ganz gut geklappt. Ein guter Anfang finde ich.“ Das Publikum lacht. „Was ich noch gesagt bekommen habe, war: 'Kira, mach das mit der Begrüßung diesmal richtig.' Das letzte mal habe ich mich nämlich mit den Worten vorgestellt: 'Hallo. Ich erzähl euch jetzt was. Vielleicht gefällts euch'“ Wieder lacht das Publikum. „Also versuch ich das jetzt besser zu machen. Ich freue mich, heute hier zu sein. Ich freue mich auch, das ihr alle da seid. Und ich freue mich, euch jetzt etwas zu erzählen“ Wieder lachen alle. Dabei sollte das gar kein Lacher sein. Ich falte meinen Text auseinander, und beginne. Am Ende wieder ein „Dankeschön“ von mir, Beifall und Abgang. Ich setzte mich auf meinen Platz und kaue an meinen Fingernägeln. Einer der Slammer beugt sich zu mir rüber und flüstert mir etwas zu. „Ich mochte deinen Text. Aber du kannst ruhig noch etwas langsamer sprechen. Du hast da sehr schöne Wortspiele drin. Das Publikum braucht Zeit, um die zu begreifen.“ Ich nicke und bedanke mich. Dann ist der verkleidete Musikmacher dran. Er improvisiert nachdenkliches und sommerleichtes auf dem Klavier. Als die Musik verklingt, betritt wieder der Moderator die Bühne um die Klatschwertung des Publikums einzuholen. Er ruft den Zuschauern, mit kleinen Passagen aus den jeweiligen Texten, noch einmal das Gehörte in Erinnerung und sagt dann jeden einzelnen Namen der Auftretenden und wartet den Applaus ab. Am Lautesten ist der Applaus bei dem Slammer, der direkt vor mir dran war und einen lustigen Text über Seniorensauna vorgetragen hat und bei mir. Obwohl eigentlich nur ein Slammer von den Vieren nach der Pause ins Finale weiter gelassen werden soll, macht der Moderator aufgrund der fordernden Rufe aus dem Publikum („BEIDE!“) eine Ausnahme. Es gibt also ein Dreierfinale. Die Reihenfolge legt der Moderator fest. Ich bin in der Mitte. Der Slammer, der vor mir dran ist, erzählt über Waldorfschule. Genau genommen nimmt sein Text die Waldorfschule systematisch, nach allen Vorurteilskriterien, auseinander. Er endet, ein improvisiertes Musikstück folgt, und ich gehe zur Bühne. Der Text den ich in der Hand habe, ist noch nicht erprobt. Geschrieben habe ich ihn im Zug, auf dem Weg zu meinem ersten Slam in Fürth. Da hatte er noch kein Anfang und auch kein Ende. Das habe ich dann kurzfristig beim Fürther Poetry Slam dazu geschrieben. Diesen Text jetzt im Finale vorzutragen war eine Blitzentscheidung, war reines Bauchgefühl. Ich erklimme die Stufen hinauf zur Bühne. Stelle mich vors Mikrofon. Ein kurzer Moment Stille. „Ich bin übrigens Waldorfschülerin“ oute ich mich und ernte dafür erst Lacher, dann Beifall. Ich erzähle, dass mein Text ein bisschen wirr ist und ich ihn vielleicht aus meiner eigenen Verwirrtheit heraus geschrieben habe. Auch einen Titel hat der Text nicht. Ich beginne. Ernst erzähle ich von meiner Ziellosigkeit. Der Kernsatz des Textes ist: „Gib mir doch mal nen Tipp. Ich fühle mich, als renne ich, seit Tagen mit dem Kopf gegen die Wand.“ Und diesen Satz schreie ich schließlich in den Saal. Es ist sehr, sehr still. Ich verabschiede mich mit einem `Dankeschön` und verlasse die Bühne. Der Improvisationsmusiker spielt etwas sehr aufgewühltes am Klavier. Der Slammer nach mir erzählt wieder was lustiges, aber ich kann nicht richtig hinhören. Dann findet die Bewertung statt. Beim Hineingehen in den Saal hat jeder Zuschauer wohl eine Pommes bekommen. Diese Pommes muss er nun in das Gefäß, das für seinen Favoritenslammer steht, tun. Das dauert. Als das Ergebnis feststeht, werden alle Teilnehmer des Slams noch einmal auf die Bühne gebeten. Die drei Finalisten treten nach Vorne. Äh, ich also auch. Platz drei wird bekanntgegeben. Der Waldorfschultextmensch. Dann der zweite Platz. Das bin ich. Mein Preis ist eine Postkartensammlung mit Sprüchen über Steine. Den ersten Platz macht der lustige Mensch neben mir.

 Auf dem Weg nach Hause frage ich Immanuel, wie er meinen letzten Text fand. „Die Wand von der du erzählt hast, war im Publikum schon deutlich spürbar“ sagt er.


KultKellerSlam, 14.2.13, Landau

 Zwei Tage habe ich bei Immanuel auf der Schwäbischen Alb verbracht und fahre nun weiter nach Landau, wo mein nächster Slam stattfinden soll. Ich habe mir vorgenommen, die Strecke von etwa 300 km zu trampen, weil das die günstigste Art des voran kommens ist. Das klappt gut und innerhalb von drei Stunden bin ich angekommen. Mir bleiben noch mehrere Stunden Zeit bis zu meinem Auftritt. Ich laufe ein bisschen durch Landau, verbringe eine Stunde in einem Internetcafe, laufe wieder ein bisschen herum, gucke mir eine Galerie an und finde ein urgemütliches Fairtrade Bio Cafe.

 So schlage ich die Zeit bis etwa 19 Uhr tot. Dann mache ich mich auf die Suche nach dem Kult Keller Slam. Durch einen großen Torbogen in einen Innenhof und dann rechts durch eine Tür in den Keller finde ich schließlich den richtigen Ort. Alles ist voller Jugendlicher in meinem Alter oder etwas älter/jünger. Auch die Getränke werden von Jugendlichen verkauft. Erwachsene sind nur wenige da und das wundert mich. Ich stehe mit meinem riesigen Rucksack etwas planlos in der Gegend rum, werde aber sofort freundlich von einem dunkelhäutigen Jungen, der etwas älter ist als ich, angesprochen. „Bist du Kira?“. Er führt mich durch den kleinen gewölbten Keller, dessen Wände aus unverputzten Backsteinen bestehen. Er ist schon brechend voll mit Zuschauern. Wir gehen hinter die Bühne, wo ich meinen Rucksack abladen kann. Dann geselle ich mich zu den Slammern, die auf zwei Sofas auf dem linken Teil der Bühne sitzen. Auch hier ist der Altersschnitt erstaunlich niedrig. Während ich auf einem der Sofas sitze und eine Cola trinke, bekomme ich langsam mit, was das hier für ein Slam ist. Die Auftretenden kennen sich alle untereinander, die Zuschauer sich irgendwie auch. Zumindest die meisten. Einer der beiden Veranstalter/Moderatoren, Alex, setzt ich zu mir und erklärt, dass er der Leiter einer Schul-Poetry Slam- AG ist, die Auftretenden, die bis auf zwei aus der AG kommen und das Publikum aus Schülern und ein paar Lehrern der Schule besteht. Ich komme mir fehl am Platz vor. Und das ganz schön dolle. Aber vielleicht ist der Slam, der in ein paar Minuten beginnt, ja irgendwie in der Lage, mein Fremdheitsgefühl zu überbrücken. Neben mir sitzt Rouven, mit dem ich anfange mich zu unterhalten. Wie ich hat er auch mehrere gefaltete Texte in der Hand. Ich halte ihm meine Beiden hin. „Zieh mal einen“. Rouven zieht den Sommertext und ich merke das ich doch lieber den anderen vortragen würde und entscheide mich für diesen. Irgendwann kommen dann auch die beiden Moderatoren auf die Bühne und es wird leise im Keller. Die erste Anmoderation mit der Erklärung was Poetry Slam eigentlich ist, ist nun schon etwas sehr Vertrautes. Die Reihenfolge wird ausgelost, ich bin relativ weit hinten dran, und der Slam beginnt. Ich merke irgendwie, das die Slammer hier alle aus der selben AG sind, denn die Texte ähneln sich ein bisschen. Sie sind alle nach dem gleichen Schema geschrieben. Prosa, mit ein paar lyrischen Elementen. Ein bisschen persönlich, aber nur gerade so, dass es nicht weh tut. Und witzig. Alles ist irgendwie auf witzig gemacht. Als ich dran bin trage ich den Zugtext vor. Ich erzähle vorher nicht viel, weil der jeweilige Slammer immer hinterher von den Moderatoren vorgestellt wird. Ich fühle mich sicher und ruhig. Mit meinen etwa fünf hinter mir liegenden Slams bin ich hier auch schon ein alter Hase im Geschäft. Alle anderen treten vielleicht das zweite, höchstens das dritte Mal auf. Ich merke selbst, dass meine Stimme wieder anfängt den Raum zu füllen und ganz klar und ruhig ist. Später werde ich noch ein paar Mal darauf angesprochen. Zitat: „Deine Stimme ist total krass“. Dann setze ich mich wieder auf das Sofa. Meine Wertung ist nicht herausragend, aber so gut, dass ich noch ein zweites Mal auf die Bühne darf. Rouvens Text dagegen wird schlecht bewertet. Aber mir gefällt er unglaublich gut. Später frage ich ihn, ob ich seinen Text haben kann und er schenkt mir das handbeschriebene Stück Papier, von dem er abgelesen hat. Das Finale entscheidet Eine von den AG Slammern für sich. Es geht ein Hut herum, in dem Geld gesammelt wird und nach und nach leert sich der Keller. Die Moderatoren, ein paar der Slammer, und ich bleiben noch und räumen ein bisschen auf. Wir entschließen uns, noch in eine Bar zu gehen und zu quatschen. Es wird ein netter Abend, in dessen Verlauf ich die Leute der AG noch ein bisschen besser kennenlerne. Alle sind total nett, aber ich merke sehr deutlich den Unterschied von Schülern, die Mitglieder einer Slammer AG sind und Slammern, die davon träumen, mit dieser Art von Kunst ihr Geld zu verdienen. Um ungefähr 1:30 Uhr bin ich dann mit dem Moderator Alex bei seiner WG angekommen, in der ich übernachten werde. Auf dem Weg dorthin haben wir Zeit uns zu unterhalten und ich erzähle ein bisschen, wie ich zu der Slammerreise kam, was ich sonst so mache, zum Beispiel wie ich im Sommer von Berlin nach London getrampt bin „Bist ne coole Sau“ sagt Alex und ich schenke dem beschneiten Asphaltboden ein Grinsen. Ja, jeden Tag ein bisschen cooler. Als wir ankommen, ist Alex Mitbewohner noch wach und begrüßt uns. „Ich bin Kira“ stelle ich mich vor und er grinst mich an „Ich weiß“. Auf meinen verständnislosen Blick hin erklärt mir Alex, dass sein Mitbewohner auch beim Slam dabei war. Mir wird klar, dass er dann wohl schon eine ganze Menge von mir weiß. Wie es für mich war, als ich mal vom fahrenden Zug gesprungen bin und mich dabei am Fuß verletzt habe zum Beispiel. Als ich sage, dass ich total müde bin, wird mir sofort ein Bett hergerichtet. Die beiden sind unglaublich nett und bemühen sich sehr darum, dass ich mich wohl fühle.
Am nächsten Morgen muss ich schon um Viertel vor acht wieder los, schließlich ist mein nächster Slam in Dessau, am anderen Ende der Republik. Ich frühstücke zusammen mit Alex, der sich für das magere WG-Frühstück entschuldigt, welches aus Schoko-Müsli und einem Apfel besteht. Macht nichts. Ich liebe Schoko-Müsli.

 DESS Match, 15.2.13, Dessau

Der letzte Slam meiner Tour ist in Dessau. Ich fahre mit dem Zug dort hin und das dauert von Landau aus ziemlich lange. Etwa 10 Stunden. Ich steige um halb 9 morgens in den Zug und um 19 Uhr abends am Zielort aus. Ich merke, dass ich nach einer Woche umherfahren auch ein bisschen fertig bin. Sehr müde und ein bisschen angeschlagen. Trotzdem glücklich. Es ist schon dunkel und ich irre ein wenig mit meinem riesigen Rucksack durch die Straßen, bis ich endlich den Ort des Geschehens gefunden habe. Das alte Theater. Ich bin ein bisschen wehmütig. Das hier wird der letzte Slam meiner Reise sein, noch ein mal rauf auf die Bühne und ins Rampenlicht. Dann fällt mir ein, das dies nicht das Ende meiner Dichterkarriere bedeutet. Gerade mal den Anfang vielleicht und den Abschluss einer guten Zeit. Vor Ort angekommen halte ich wieder nach jemandem Ausschau, der aussieht als wüsste er, wie hier alles läuft. Ich finde ein paar kompetent aussehende Frauen und stelle mich vor „ich bin Kira“. Das daraufhin nichts passiert irritiert mich ein wenig. Sonst war das doch immer das Schlüsselwort gewesen und man wusste wer ich war. Das anhaltende Schweigen signalisiert mir, dass ich wohl noch etwas hinzufügen muss, um verstanden zu werden. „Ich trete hier heute auf“. Eine der Frauen guckt mich überrascht an „wirklich? Davon wusste ich bis jetzt nichts“. Die Frau kommt mir sehr, sehr bekannt vor. Ich kann nur gerade nicht genau einordnen woher. Ganz bestimmt aus irgendwelchen Poetry Slam Zusammenhängen. Eine der anderen Frauen meldet sich zu Wort „Sei doch mal ein bisschen spontan und flexibel“. Weil die Frau, die mir so bekannt vorkommt und sich als die Veranstalterin und Moderatorin herausstellt, wohl gerne sowohl spontan als auch flexibel sein möchte, nickt sie mir zu und führt mich zu einem Tisch neben der Bühne, an dem die andern Slammer sitzen. „Und du kommst auch aus Dessau?“ fragt mich die Moderatorin, während ich mich setze „ähhh, nicht direkt. Aus Dortmund.“ Die sehr erstaunten Blicke bin ich mittlerweile auch schon gewöhnt. Jetzt fällt mir wieder ein, woher ich die Moderatorin kenne. Sie ist auf einem Slam in der Nähe von Dortmund aufgetreten und ich habe sogar noch grob ihren Text in Erinnerung. Sie sieht ein bisschen aus wie eine graue Maus und sie hat etwas vorgetragen, was diesem ersten Eindruck zunächst mehr als gerecht wurde. Über Liebe und ihren Freund. Aber nach den ersten paar Zeilen bekam der Text plötzlich eine radikale Wendung, indem sie, die Protagonistin, ihren Freund auf brutalste Art und Weise ermordete. Das hatte mich damals tief beeindruckt. Ich kriege ein Bier gereicht und schaue mich um. Kein Slam ohne Bier. Das ist mir inzwischen schon klar geworden. Der Raum hat eine entspannte Größe. Etwa 50 Leute und eine kleine Bühne. Ich mag die Einrichtung. Der Slam beginnt und die Mörder-Moderatorin betritt die Bühne. Ich weiß was jetzt kommt. Sie macht ordentlich Stimmung, indem sie das Publikum sich schon einmal warm klatschen lässt. Bevor wir Poeten uns battlen können, gibt es noch einen featured Artist. Yasmo und Selbstlaut sind ein Rapperduo. Beide sind auch selber Slammer, treten aber nun als Musikakt auf. Ich finde die beiden großartig. Ich rmerke, dass ich im Gegensatz zum Anfang fast nicht mehr nervös bin. Fast schon locker betrete ich die Bühne und sage ein paar Sätze über mich. Der Text, mit dem ich dann auftrete, ist wieder der Zugtext. So langsam nerve ich mich selbst ein bisschen. Ein Poet, dem die Texte ausgehen. Aber eigentlich ist es anders. Ich habe genug Texte, aber ich bin zu selbstkritisch um mich mit einem weniger durchdachten, gefeilten Text auf die Bühne zu wagen. Und ich habe am meisten Lust auf den Zugtext und glaube, das es ein Text ist, der sich gut als Anfang eignet. Und ja, auch das mein Spektrum noch ein wenig begrenzt ist spielt gewiss eine Rolle. Bewertet wird mit Applaus und ich komme nicht ins Finale. Dazu ist die Konkurrenz einfach zu stark. Ein Mann mit einem genialen Text (eine Parodie über die Erziehung eines Kindes) gewinnt. Auch die Frau auf dem zweiten Platz war gut. Wunderschöne, wahre und ehrliche Gedanken hat sie in ihrem Text verarbeitet, dem alle gebannt zuhörten, als sie ihn vortrug. Als die Veranstaltung zu Ende ist schultere ich meinen Rucksack wieder. Der letzte Slam ist zu Ende. Ich verabschiede mich und die Moderatorin sagt, dass ich auf jeden Fall Bescheid sagen muss, wenn ich mal wieder in der Nähe bin. Dann soll ich wieder auftreten.





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