1/24/2015

Autoschiff

Wenn unser weißes Auto für eine lange Zeit das Einzige ist, was über die Straßen ruckelt, dann gewöhnt man sich an das leichte Schwanken zu beiden Seiten. Man fängt an sich zu wundern, ob es den Australiern nicht möglich ist, eine einzige, ebene Straße zu bauen, oder ob es vielleicht etwas anderes ist, was im Argen liegt. Aber wie das auf langen Autofahrten so ist, kommt der Gedanke, bleibt kurz und verschwindet dann wieder, um einem anderen Platz zu machen. Und schließlich fängt man an, sich wohl zu fühlen und denkt an manchen Ampeln, an denen man schwankend zum Stehen kommt: "Naja, ein bisschen ist es auch wie in einem Schiff zu sitzen.. und das ist doch wahrlich nicht das schlechteste Gefühl".

Zum Glück entschließt man sich nach ein paar Tagen schließlich, doch in eine Werkstatt zu fahren, um dort dann darauf hingewiesen zu werden, dass sich der rechte Hinterreifen an ein paar Stellen ballonförmig nach Außen wölbt. Das innere Drahtgeflecht ist gebrochen und an manchen Stellen ist dadurch kaum noch Profil auf dem Reifen. Gut, das der noch nicht geplatzt ist und mal gucken, in welchem der nächsten Momente er das wohl tut. So schön das Leben im Autoschiff auch war, irgendwann hat alles ein Ende. Wir tauschen also den rechten Hinterreifen gegen unser Ersatzrad aus und schreiben "neues Ersatzrad kaufen" mit auf unsere Liste.


professioneller Reifenwechsel


1/21/2015

Milchkaffee und das Meer

 Während wir uns tagtäglich um innere Ausgeglichenheit und Balance bemühen und diese vorzugsweise durch das halten von zwei vollen Kaffeetassen in beiden Händen, dabei elegant laufen und Ausschau nach der richtigen Tischnummer halten, trainieren, haben wir einen Platz zum Wohnen gefunden. Wir sind den teuren Campingplätzen und dem eigentlich verbotenen Wildcampen nicht mehr ohne Alternative ausgeliefert, weil wir seit zwei Wochen Teilzeitmitglieder einer Familie sind, in deren Garten wir campen. Eine Familie, die Besuch aus aller Welt schätzt - unser Vorteil, das wir gerade aus aller Welt kommen - und Reisende gegen ein bisschen Hilfe in Haus, Hof und Garten für ein paar Wochen Teil der Familie sein lässt. Weil Teil der Familie, Gästezimmerbewohner und in Haus, Hof und Garten Helfer aber schon ein Italiener und ein Franzose sind, wurden wir nach ein bisschen hin- und her-überlegen, als Dauercamper in den Garten eingeladen. Seitdem gibt es morgens Milchkaffe, wenn der Wunsch danach ist. Manchmal ein bisschen Arbeit, wenn wir zwischen unseren Schichten bei Dome Zeit dafür haben und demnach auch manchmal ein bisschen Essen. Aber auf jeden Fall eine Menge Gesellschaft von vielen unterschiedlichen Leuten und Tipps und Erfahrungen über das Reisen in Australien.

Unsere Arbeitsstunden bei Dome sind jede Woche eine neue Überraschung, weil sich ständig ändert, wann und wie lange wir arbeiten. Insgesamt sind wir uns aber einig, dass wir gerne mehr Arbeitsstunden hätten.

Vor ein paar Tagen sind wir nach einer etwas längeren 6 Stunden Schicht zum Baden ans Meer gefahren, weil das heiße Wetter nach einer Abkühlung verlangt hat. Als wir so weit ins Wasser gewatet waren, dass es uns ungefähr bis zur Brust reichte, habe ich beschlossen, zum Strand zurück zu schwimmen, aber anstatt näher zum Ufer zu kommen, verlor ich mehr und mehr den Boden unter meinen Füßen. Helge und ich waren auf einmal weiter vom Ufer entfernt, als wir es vorgehabt hatten und der weitere Versuch, mit aller Kraft dem Strand entgegen zu schwimmen, machte nur deutlicher, dass wir in eine Strömung geraten waren. Helge ganz ruhig, ich aber in völliger Verzweiflung, versuchten wir irgendwie das Ufer zu erreichen. Aus Wellen, Strömung und Panik formte sich etwas zusammen, was mir die Kraft zum weiterschwimmen nahm. Mit Helges Hilfe schaffte ich es schließlich, mit ihm zusammen die Strömung zu kreuzen und langsam ans feste Ufer zurück zu schwimmen.

An manchen Stränden Australiens ist die Strömung tückisch. Am "West Beach" zum Beispiel, das wissen wir beide jetzt ziemlich gut. Es gibt einen großen Felsen, hinter den man aufs Meer hinaus gezogen wird, wenn man sich an der falschen Stelle im Wasser befindet. Ob alles okay mit uns ist, wurden wir von einer Frau gefragt, als wir im seichten Wasser auf dem Sand saßen, direkt nachdem wir Bekanntschaft mit den Meeresströmungen des "southern Ocean" gemacht hatten. Dass sie uns beobachtet hat und ein Surfer mit seinem Brett bereit war, uns aus dem Wasser zu holen, wenn es nötig gewesen wäre.

Gut zu erkennen in der Mitte: die Strömung die einen aufs Meer hinaus zieht.

1/10/2015

Lucky Bay

Alles fügt sich irgendwie und so soll es ja auch sein. So langsam hört die Zeit auf, in der man das Gefühl hat, eigentlich viel zu sehr mit ankommen, sich zurecht finden, sich um Dinge kümmern, beschäftigt zu sein, um auch nur einen wirklichen Gedanken daran zu verschwenden, an welchem Fleck der Erde man sich eigentlich gerade befindet. Und das ist gut so, denn jetzt gerade sind wir an einem sehr schönen Fleck angekommen. "Lucky Bay", eine Bucht mitten in einem Nationalpark mit einem sehr kleinen, aber hübschen Campingplatz. Das die Kängurus hier abends am Strand sitzen, hat sich schon weit herumgesprochen, und das Meerwasser ist türkisblau und der Sand fein und weiß und das witzige ist: Das alles stimmt. Der Teil mit den Kängurus stimmt sogar so sehr, dass ich auf dem Hinweg beinahe eins umgefahren hätte und wir gestern Abend eins dabei erwischten, wie es hungrig vor unserem Zelt saß und ziemlich wahrscheinlich gerade unser Essen klauen wollte. Generell kann man Kängurus aber nicht wirklich lange böse sein, dafür sind sie zu niedlich.

Wir machen hier gerade "Urlaub", weil wir drei freie Arbeitstage haben. Was auch schon gleich der nächste "alles fügt sich irgendwie"-Punkt wäre. Wir haben einen Job gefunden und wir sind uns beide einig, dass es der geilste ist, den wir hätten finden können- zumindestens bis jetzt. Unser Arbeitsplatz heißt "Dome" und ist eine Café Kette, die man sich ziemlich genau so vorstellen kann wie Starbucks. Und in dem Laden sind wir jetzt diejenigen, die Kaffee und Kuchen servieren, Tische abräumen, abwaschen und alle kleinen Aufgaben erledigen, die der ungestörte Ablauf eines Cafés sonst noch erfordert. Wir haben erst zwei Arbeitstage hinter uns und man könnte sagen, wir wachsen in den Job rein. Zumindestens sind wir mittlerweile über den Punkt hinaus, an dem man sich noch staunend mit der Aufgabe halb überfordert sah, jetzt einem englischsprachigen Kunden einen Kaffee zu servieren, dessen Namen (z.B. "Doubble shot flat white skim milk") man direkt nach dem ersten Hören wieder vergessen hatte. Und man die Aufgabe schließlich löste, indem man dem wartenden Kunden den Kaffee mit einem bedeutungsschweren "Ähäm" auf den Tisch stellte. Und nur um das Bild komplett zu machen: natürlich tragen wir beide die bei „Dome“ übliche Kellner Uniform, bestehend aus schwarzer Hose, weißem Hemd und Schürze. Und das Beste (kommt natürlich zum Schluss): Ein Kaffee pro Schicht ist frei. Und das ist wunderbar gut, weil Domekaffee genau so lecker und teuer ist, dass man ihn sich nur ganz selten gönnen würde. Wenn überhaupt.

Das Einzige, bei dem wir uns nicht so sicher sind, ob sich "Alles irgendwie fügt", ist der Kontakt zu anderen. Wir haben schon Leute getroffen und uns unterhalten, auch auf Englisch. Aber wir haben noch keine Gang gegründet, mit der wir halbe Nächte am Strand verbracht, stundenlang Karten gespielt oder das Gespräch unseres Lebens geführt haben. Aber wenn ich darüber länger nachdenke, komme ich meistens zu dem Schluss, dass das schon okay ist, man sich keinen Stress machen sollte krampfhaft soziale Kontaktknoten zu irgendwelchen Leuten knüpfen zu müssen und man auch einfach mal so gerade vor sich hin Leben darf und vor allem genießen, dass eigentlich alles läuft.
"ICH TU NUR WAS ICH LIEB, DER REST KOMMT VON ALLEIN" (Guaia Guaia)

 

 

Was Helge beim wandern am Strand findet

1/03/2015

"Hello, we are looking for a job"

 "Esperance" heißt unser nächster "Place to be", wärmstens empfohlen von Christian und Karleen. "Unglaublich schöne Strände, wir sind da mal mit Delfinen geschwommen und die Kängurus sitzen dort Abends am Strand" waren die magischen Worte, wegen denen wir uns auf den Weg zu der kleinen Küstenstadt machten. Kalgoorlie und Esperance liegen für australische Verhältnisse mit ihren ca. 400 km Distanz ja auch quasi direkt nebeneinander.

Das was wir uns von Esperance erhoffen, ist aber neben wunderschöner Natur vor allem: Ein Job. Und deshalb tigern wir direkt nach unserer Ankunft auch schon durch die Straßen, von Restaurant zu Bar zu Café. Bewaffnet mit den Worten: "Hello, we are looking for a job!" Weil die schlagfertige Antwort darauf fast immer "Have you got a Resume?" lautet und wir dank Handyübersetzer das uns unbekannte Wort "Resume" als "Lebenslauf" übersetzen, ist relativ schnell klar: Sowas brauchen wir. Und zwar in Englisch. Der Herausforderungen nicht müde, machen wir uns direkt am nächsten Tag ans Werk und basteln aus dem, was wir beide schon alles erlebt haben, zwei formschöne Lebensläufe zusammen. Die lassen wir dann von einem australischen Camper auf unserem Campingplatz, der gerade aussieht, als würde er sich langweilen, gegenlesen, kaufen Umschläge, drucken aus und tüten ein. Der nächste Gegenangriff auf "we are looking for a job" durch "have you got a resume?" wird geschickt gekontert durch ein "Yes, of course" und das Hervorziehen eines weißen Umschlags. Nachdem wir acht Resumes verteilt haben, sind wir allerdings endgültig im Wartemodus angekommen. Der Tagesrhythmus ist: Aufstehen, frühstücken, sämtliche Kaffes abklappern und nachfragen, wie es aussieht, weitere Resumes abgeben, abendessen, schlafen gehen. Wir haben noch nicht mal einen Job und trotzdem keine Zeit für die Schönheit von Esperance, oder einfach nur zum "mal rumliegen". An Silvester gehen wir um 9 Uhr abends zum Feuerwerk an den Strand. Es ist wunderschön, aber nachdem es vorbei ist wünschen sich alle Leute ein frohes neues Jahr und gehen nach Hause. Am liebsten würde ich sagen "Hey Leute, ihr habt da was falsch verstanden. Ihr könnte doch nicht Neujahr feiern, bevor das neue Jahr überhaupt angefangen hat. Das ist gegen die Regeln". Aber... mein Englisch ist dafür zu schlecht. Na gut, Silvester verschlafen wir dann also.

Morgens, am zweiten Dezember, kommt dann ein Anruf, den ich entgegennehme. Leider verstehe ich ziemlich wenig. Vielleicht weil der Mann am anderen Ende ein bisschen nuschelt, oder weil er englisch spricht, oder weil die Verbindung schlecht ist. Morgen um neun Uhr haben wir jetzt einen Termin und vielleicht einen Job. Soweit ich das verstanden habe. Wir werden sehen.


Der "Baumstamm" hält die Kofferraumklappe offen die sonst runter fallen würde. Supergute Erfindung von Helge

1/02/2015

Kalgoorlie, Goldstadt im Outback


Na, hattet ihr schöne Weihnachten? Sehr gut. Wir auch, danke der Nachfrage. Genau am 24. sind wir bei Helges Onkel Christian eingetroffen und über die Tatsache, dass heute Weihnachten sein sollte, konnte man eigentlich nur den Kopf schütteln, bei den Wetterbedingungen. Weihnachtsessen ist dann also grillen auf der Terasse, bei gemütlichem deutsch-englischem Geplauder und tatsächlich: Geschenken. Unsere Campingausrüstung wird um einiges erweitert, wie zum Beispiel um Wäscheklammern, eine Kühltasche, eine Campingdusche und ein Buch, das eine fein säuberliche Auflistung der Campingplätze in ganz Australien enthält, mit Vermerk: Duschen ja/nein, Bezahlen ja/nein u.s.w. Von Karleens Mutter, die wir bis jetzt noch nicht kennengelernt haben, bekommen wir ein mit Blattgold überzogenes Kartenspiel geschenkt. Sehr typisch für Kalgoorlie. Ich erinnere mich, dass ich am Abend so durch und durch glücklich im Bett lag, dass es schon ziemlich weihnachtswürdig war. Den 25., der in Australien um einiges bedeutender ist als der 24. und ausgiebig gefeiert wird, verbringen wir mit der neuseeländischen Familie von Christians Frau Karleen. Das sind ganz schön viele Menschen und es wurde eine Turnhalle gemietet, in der alle zusammen essen und Spiele spielen. Ich habe mich ein bisschen mit Xcrisy, einem (natürlich) neuseeländischen Mädchen unterhalten und als Helge noch dazu kommt, versuchen wir ihr eine Zeit lang beizubringen, seinen Namen auszusprechen, was zwar sehr viel Spaß macht, aber zu keinem wirklichen Erfolg führt.

Die Zeit die wir bei Helges Onkel verbringen, nutzen wir dazu, unser Auto ein bisschen mehr zu einem Camp Mobil zu machen. Mit einer Nähmaschine von Karleens Familie nähe ich Vorhänge für die hinteren Fenster und: Yes! Endlich weiß ich, wofür ich in der Schule nähen gelernt habe. Helge poliert unsere Scheinwerfer, repariert eine Lampe und baut mit Christian zusammen das neue Radio ein, was wir vorher zusammen gekauft haben. Geil! In Zukunft nur noch Road Trip mit Musik. Und last but not least: zwei Matratzen für den optimalen Liegekomfort.

Die Zeit bei Christian und Karleen ist schön und sie sind beide so gastfreundlich, wie es wohl australientypisch ist. Christian zeigt uns den Grund, warum es Kalgoorlie, die Stadt mitten im Outback, gibt. Das Gold. Abends stehen wir vor dem riesigen Erdloch, aus dem schon seit Jahren Gold abgebaut wird. Seit dem Tag, an dem einmal ein Mann einen Goldklumpen an der Oberfläche fand. Wie seltsam blinkende Tiere ziehen die tonnenschweren Fahrzeuge durch das Gestein. Während die Sonne untergeht, wird auf einem Bildschirm neben uns die Anzahl der Stunden bis zur nächsten Sprengung angezeigt. "Das ist hier alles wie aus einem ganz komische Film" stelle ich fest.