7/26/2014

Kein Geld der Welt

Ich war mir nie sicher, ob ich Geld zum Leben brauchen will. Wenn man sich dazu entschlossen hat zum Geldverdiener zu werden, passt man sein Leben dieser Entscheidung an und das stört mich manchmal. Es stört mich genau dann, wenn sich die Prioritätenliste so verschiebt, dass erst das Geld kommt und dann das Glück. Ich bin nicht der Meinung, dass die einzig logische Reihenfolge „erst wenn genug Geld da ist kann man das tun, was einen glücklich macht“ lautet.

Jetzt reisen wir zu zweit eine Woche lang, ohne das wir uns vorher dafür Geld zurückgelegt haben, sondern nur mit dem was wir unterwegs bekommen. Wenn ich darüber nachdenke, dass wir jetzt reisen, ist das mit dem Geld sogar die Sache über die ich mich am meisten freue. Noch mehr als darüber woanders zu sein und viele Dinge zu sehen. Der Plan ist das ich auf der Straße Gitarre spiele und singe und wir sehr sparsam leben und – natürlich - trampen. Wir wollen unbedingt nach Venedig, obwohl wir nur 6 Tage Zeit haben. Es gibt also ein sehr klar abgestecktes Ziel und viele Kilometer, die in kurzer Zeit zurück zu legen sind. Es sind mal wieder nicht alle in meiner Familie so sehr davon überzeugt, dass wir es bis nach Venedig schaffen und von Großartigkeit dieser Idee. Deshalb gibt es nur eine kurze SMS nach Hause „ich bin jetzt auf dem Weg nach Italien, Venedig“. 


Wir starten bei Bad Hersfeld, nachdem wir unsere erste Reisenacht dort im Wald verbracht haben. Ich hatte am Abend vorher in der Altstadt Gitarre gespielt und so etwas wie Startkapital gesammelt, über 30 Euro. Die Musikaktion auf der Straße hat mich euphorisiert, besonders weil ich mich niemals daran gewöhne, dass es Leute gibt die es schön finden, wenn ich auf der Straße Singe und Gitarre spiele und mir dafür Geld geben. Der beste Moment: Ein 10 Euro Schein. Ein Mann mit Augenzwingern. „Wäre doch schade, wenn Niemand mehr auf der Straße spielen würde“

Unser Übernachtungsplatz war abseits und geschützt, ein bisschen den Berg hoch in einem kleinen Wald. Trotzdem hatte ich Angst in der Nacht und das liegt an der Dunkelheit. Eines dieser Dinge auf der Welt die mir auf mysteriöse Weise unglaublich gefährlich erscheinen, obwohl sie es nicht sind. Verbunden mit dem Äste knacken und Blätter rascheln eines Waldes so furchteinflößend, dass ich die halbe Nacht in die Dunkelheit gestarrt und nach irgendetwas Ausschau gehalten habe.

Wir sitzen in einem großen, leeren Reisebus. Das ist witzig, weil wir trampen. Als ich den Fahrer an der Autobahn Raststätte gefragt habe, ob er Richtung Augsburg fährt und uns mitnehmen könnte hat er mich kritisch angeguckt, die Gitarre gemustert, die ich bei mir hatte, mich gefragt ob ich denn gut spielen kann und ich hab mich gefühlt wie auf einem seltsamen Casting für heimatlose Straßenmusiker-Tramper. Jetzt fahren wir über die Autobahn, in diesem riesigen Bus, sitzen mal Vorne, mal Hinten und ich fühle mich sehr mit der Welt zufrieden. So lächelnd zufrieden, während es draußen weltuntergangsmäßig regnet und kleine Bäche die Fenster herunter laufen. Weil der Fahrer so wild darauf ist, spiele ich Gitarre und ich stelle mir vor es wäre mein Tourbus, mit dem ich gerade Richtung Italien fahre. 



Man weiß nie, wo man Abends ankommen wird, dieses mal ist es ein sehr schöner Ort. Ein einsamer Bootssteg auf einem See mit glasklarem Wasser, direkt unterhalb des Schloss Neuschwanstein und neben dem Schloss Schwangau, eingerahmt von Bergen. Ein junger Mann, der nicht viel älter ist als wir, fährt uns Nachts dort hin. Er hätte uns auch mit zu sich nach Hause genommen, aber seine Eltern sind da.
Mittlerweile ist es stockdunkel, aber das Schloss ist angeleuchtet in einer warmen gelben Farbe. Ich kann nicht damit aufhören zu ihm hinauf zu gucken und leise vor mich hin zu murmeln, wie schön ich es finde. Der junge Mann lässt uns am Seeufer aussteigen und wir müssen ein kleines Stück durch die Finsternis laufen, bevor wir vor der verschlossenen Tür des kleinen Bootshauses stehen. Hand in Hand, ich mich eher festklammernd und jeden Schritt tastend. Obwohl ich Angst habe muss ich lächeln als wir am Ufer stehen. So klares Wasser, so weiße Kieselsteine. Wir müssen ein Stück durchs Wasser waten, um das Bootshaus herum und auf den Steg klettern. Obwohl ich Angst habe gehe ich vor. Vielleicht weil das Wasser so klar ist, oder einfach weil ich mich dazu entschlossen habe, oder weil Mut nichts mit Angst zu tun hat. Ein paar Schritte durchs Wasser, mit angehaltenem Atem, noch ein Schritt und ich kann mich nicht mehr halten und falle nach unten. Für einen kurzen Moment überall kaltes, klares Wasser, dann werde ich von einem starken Arm herausgezogen. Für die nächsten 10 Minuten ist alles so nass, kalt und Dunkel, dass ich nur in der Mitte dieses Bootsstegs stehen uns zittern kann. Später, in einen wunderbar warmen Schlafsack gehüllt ist wieder alles gut, nur schlafen kann ich nicht. Abwechselnd lausche ich auf die Geräusche der Nacht und starre das beleuchtete Schloss an, das wie ein Beschützer über dem See aufragt. 




Schon am nächsten Tag sehen wir Venedig und das liegt an zwei Dingen. Das wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und das ein Kunsthändler names Viktor einen Auftrag in der Wasserstadt hat. Es ist eine lange Fahrt in einem kleinen Auto mit einem großen LKW im Schlepptau der uns ausbremst. Als wir am Ziel sind gibt Viktor uns seine Karte. Wenn wir in Schwierigkeiten sind können wir ihn anrufen.
Es ist warm in Venedig und der Himmel ist trotz Abenddämmerung sehr blau. „Wir haben es geschafft ist der Satz des Abends“ aber der Satz der Nacht lautet anders. Venedig heißt für mich Schönheit, aber das hilft nicht, wenn man einen Platz zum schlafen braucht. „Wohin sollen wir gehen?“. Es ist alles zugemauert, vergittert, vernagelt, kein Fleckchen Grün. Es bleiben nur die Gassen in denen wir bis tief in der Nacht herum irren. Niemand weiß etwas, keiner will irgendwas mit uns zu tun haben und schon weit nach Mitternacht landen wir am Bahnhof. Direkt vor dem Eingang schlagen wir unser Lager auf, zwischen vielen anderen die es sich mit Schlafsack und Isomatte bequem gemacht haben, immer ihr Gepäck im Blick. Nachts gehört der Bahnhof den Obdachlosen, den Backpackern und Rumreisenden. 


Der nächste Tag ist schön und heiß und ziellos. Wir haben unser Gepäck auf einer abgesperrten Wiese gelassen, wohin wir am Abend zum Schlafen zurückkehren wollen. Nur die Gitarre und meine Kamera haben wir dabei und man kann uns gut für normale Touristen halten. Wir lassen uns an Kanälen entlang zum Markusplatz treiben und wieder durch kleine Gassen davon. Irgendwann setze ich mich mit dem Rücken an eine Hauswand und spiele Gitarre. Wir brauchen Geld. Der beste Moment: Ein Mann der drei Mal an mir vorbei läuft, sich dann zu mir herunter beugt und auf englisch sagt, dass er leider kein europäisches Geld hat, mir aber gerne etwas geben würde. Ein Argentinischer Pesos. 

Alles ist teuer in dieser Stadt. Sie gehört nicht uns sondern den Touristen, dass wird immer klarer. Schließlich beschließen wir unsere Sachen zu holen und Venedig zu verlassen. Es kostet einige Überwindung das große Ziel was wir uns gesetzt hatten hinter uns zu lassen und zu verstehen, dass es das beste ist. Aber als uns ein Brasilianer mit leuchtenden Augen, Dreads und schwankendem Kleinbus an der Straße einsammelt und von den wunderschönen Städten erzählt, die es entlang eines Flusses Richtung Deutschland gibt ist die Reisestimmung wieder da. Unser Nachtlager ist dann wirklich am Ufer des Flusses, zwischen ein paar Weinreben, zusammen mit vielen Mücken. Wir spannen ein Moskitonetz darüber, es sieht wunderschön aus, helfen tut es nicht so viel. Auch in dieser Nacht gibt es nicht viel Schlaf. 


Am vierten Tag unserer Reise machen wir uns auf den Rückweg. Der Himmel ist grau, aber es ist sehr heiß. Irgendwo in unser beider Unterbewusstsein steht die Tatsache, dass wir in Venedig waren, ohne wirklich da gewesen zu sein. Und nirgendwo ist die Autobahn zu sehen. Es dauert lange bis wir schließlich dort ankommen und es ist schon nachmittags. Das trampen ist zäh und zwei Mal verpassen wir die richtige Raststätte. Als es dunkel wird haben wir kurz den Gedanken nicht weit von der Autobahn unter einer Brücke zu schlafen, aber alles in mir wehrt sich dagegen. Ich bin so geschlaucht vom vielen Laufen, der Müdigkeit der ablehnenden Haltung der Landsleute, dass ich den Satz ausspreche, der so ungefähr das letzte ist, was es noch zu sagen gibt: „Ich will nur nach Hause“. Also stellen wir uns wieder an die Raststätte und sprechen die Autofahrer an. Niemand will uns mitnehmen, Niemand fährt in die richtige Richtung. Schließlich gesellt sich ein betrunkener Mann zu uns der fragt ob wir schon einen Schlafplatz haben und uns anbietet hinten in seinem Truck zu schlafen. Weil mir alles egal ist und Müdigkeit etwas ist, was einen irgendwie hilflos macht, nicke ich nur und wir laufen hinter ihm her über den Rastplatz. Er schwankt. Einladend klappt er die großen Hecktüren des LKWs auf und ich sehe nur eine Sache: Wenn die Türen von Außen verriegelt sind kriegt man sie von Innen nicht auf. Und auch wenn es nicht gefährlich gewesen wäre bin ich immer noch froh über mein Nein.
Wir schlafen schließlich auf dem Grünstreifen neben einer Straße, nur durch eine Hecke ein bisschen Sicht geschützt.

Am nächsten Tag schaffen wir es bis Deutschland zurück. Wir fahren lange mit einem LKW Fahrer mit, auf dessen Bett ich sitzen darf. Es ist warm und weich und von mir fällt irgendwas großes, schweres ab, was sich aus wenig Schlaf, Kälte und unwohl fühlen zusammengeballt hat. Abends ist es die schönste Dusche die ich nehme und das schönste Bett in dem ich liege. 




1 Kommentar:

  1. Ich finde es sehr beeindruckend wie schön frei du über dieses Thema (Themen) schreibst! :) Geld, das wahre Leben, Schönheit, Arbeit, ... Alles irgendwie miteinander verworren. Und ich finde es sehr schön dass du dich nicht von dem zu sehr beeindrucken lässt was dir und uns allen die ganze Zeit gesagt wird: du brauchst Geld, Karriere, Sicherheit, Arbeit - danach kommst du dran und dein Glück, dein Leben. Ich glaube fest daran dass es auch anders sein kann, als so herum. Ich glaube wir können leben, lieben, arbeiten und das Geld kommt, weil wir ja auch von irgendwas uns ernähren müssen. Was wir sein müssen ist nicht Leistung, Ducken, Aushalten, sondern kreativ, lebendig und freudig. Flexibel und offen für neues. Altes loslassen können. Und ja, es gibt da Widerstände, Zweifel, Löcher ... Aber die gibt es zum einen beim anderen noch viel mehr und zum anderen sind es unsere Widerstände, unsere Löcher durch die wir gehen und danach stärker und schlauer rauskommen und mit Stolz zurück blicken können. Und so weiter blablabla ;) Ich finde es super dass du es so machst! :)

    Dazu gab es auch wieder einen schönen Text von Ben von Anti Uni: http://www.markuscerenak.com/wunderpille.html

    Schön dein Blog!

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